Wehrlos: Thriller
Jerusalem, New York und dem Opernhaus in Sydney, eine chinesische Marionette … Rachel beachtete diese angehäuften Schätze nicht weiter, sondern interessierte sich für einen kleinen Sekretär mit Einlegearbeiten, der hinten im Zimmer stand.
Sie öffnete jede Schublade: uninteressante Prospekte, Werbung, Einkaufsgutscheine, Büromaterial. Anschließend mühte sie sich mit der verschlossenen unteren Schublade ab und musste schließlich kapitulieren. Rachel brummelte vor sich hin. Auf einem Regal über dem kleinen Schreibtisch standen mehrere schwarze Ikea-Schachteln aufgereiht. Sie stieg auf einen Stuhl und holte alle herunter. In der ersten fand sie erneut Werbung und Zeitungsausschnitte. Ihr Handy unterbrach sie.
» Hej , Rachel, wie fühlst du dich?« Es war Peter.
» Hej , es war eine schlechte Nacht, aber es geht schon wieder.«
»Kommst du heute Vormittag?«
»Wie spät ist es? Neun Uhr dreißig … ich werde gegen zehn Uhr da sein, passt dir das?«
»Sag bitte ehrlich: Fühlst du dich in der Lage, die Korrekturen an deinem Bericht vorzunehmen, oder wäre es dir unter den aktuellen Umständen lieber, wenn ich das erledige?«
Rachel nahm sich nicht einmal die Zeit, darüber nachzudenken. Momentan löste sich alles um sie herum auf, es gab nur noch die Arbeit und Sacha, die sie dazu befähigten durchzuhalten. »Ich komme und kümmere mich darum.«
»Würdest du lieber zu Hause arbeiten? In aller Ruhe?«
Rachel erwog diesen Vorschlag. »Ja, wenn es dir recht ist.«
»Okay. Perfekt. Schick mir die Datei, sobald du fertig bist. Und mach’s gut. Wir denken alle an dich.«
Sie beendeten das Gespräch. Rachel schob die Schachtel mit der Werbung beiseite, die zweite war voller Kreditkartenabrechnungen. Sie entleerte den Inhalt auf die Schreibunterlage des Sekretärs. Ein kleiner Schlüssel fiel zwischen die Papiere.
KAPITEL SIEBEN
Rachel beendete die Korrektur der zwanzigsten Seite ihres Berichts. Sie saß auf einem Kissen am Boden vor dem großen niedrigen Tisch in der Wohnzimmerecke, den Laptop vor sich.
Die Sonne schien durch die Fenster und motivierte sie zur Arbeit. Zeile für Zeile arbeitete sie sich durch die Anmerkungen von Peter und korrigierte ihren Bericht anhand der Dokumentation, die sie im Lauf eines Jahres zusammengetragen hatte.
Beharrlich und konzentriert, wie sie war, ging ihr die Arbeit schnell von der Hand. Sie kam gut voran, auch wenn die von Peter verlangten Korrekturen und Änderungen beachtlich waren.
Die Akte würde rechtzeitig für die Sola ï a-Kommission fertig sein. Die Gerechtigkeit würde ihren Lauf nehmen. Dieses Mal würden die coolen Wirtschaftspragmatiker, deren einziges Ideal die Anhäufung von Geld war, nicht gewinnen.
Mittags genehmigte sie sich eine Pause und verschlang, vor dem Kühlschrank stehend, einen Müslijoghurt, ein Stück Käse und eine Scheibe Schwarzbrot.
Ihre Gedanken schweiften ab, sie dachte wieder an ihren Fund in der unteren Schreibtischschublade von Christa, die der kleine Schlüssel problemlos geöffnet hatte.
Ein buntes Durcheinander von Urlaubsfotos, Briefen, Post aus aller Welt, Heirats-, Geburts- und Todesanzeigen. Was ihre Aufmerksamkeit jedoch erregt hatte, war ein Stapel bekritzelter Haftnotizzettel.
Rachel hatte Dutzende dieser kleinen quadratischen gelben Zettel mitgenommen, auf denen Christa eine Fülle von Informationen notiert hatte. Meist stand oben links ein Datum, darunter eine Uhrzeit, gefolgt von einem Termin, einem Telefonat, das zu erledigen war, einer detaillierten Einkaufsliste. Rachel hatte begonnen, sie nach Datum zu ordnen. Als Nächstes musste sie auf der Suche nach einer Fährte die Schrift entziffern. Aber zuerst der Bericht.
Die mit Arbeit ausgefüllten Stunden vergingen wie im Flug. Rachel erlaubte sich nur eine Pause, um Kaffee zu trinken. Um vierzehn Uhr dreißig setzte sie den Schlusspunkt unter ihre Korrekturen und schickte den Bericht an Peter, zufrieden mit ihrer Arbeit.
Nachdem sie vom Leiter von Green Growth grünes Licht erhalten hatte, ließ der Stress nach. Sie stand auf, machte ein paar Dehnübungen für ihren schmerzenden Rücken und kehrte zu ihrer anderen Beschäftigung zurück. Sie klebte die Haftnotizzettel in chronologischer Reihenfolge wie Puzzleteile auf mehrere weiße Blätter und prüfte das Ergebnis. Sie hatte den Terminkalender von Christas letzten sechs Lebensmonaten vor sich.
Lange betrachtete sie diesen Plan auf den gelben Zetteln, den sie zusammengestellt hatte, wobei sie vor allem
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