Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
Vom Netzwerk:
auch, die Stufen industrieller Entwicklung in unterschiedlichen Epochen zu vergleichen. Erst im 11. Jahrhundert erreichte die Verschmutzung der grönländischen Eiskerne wieder den Stand der Römerzeit – zu einem Zeitpunkt, an dem chinesische Quellen davon berichten, dass der anhaltende Bedarf der Eisenwerker die Berge von Kaifeng so restlos entwaldet hatte, dass zum ersten Mal in der Geschichte Kohle zur wichtigen Energiequelle wurde. Und erst mit den qualmenden Schloten im England des 19. Jahrhunderts stieg die Luftverschmutzung deutlich über die zur Römerzeit.
    Noch einmal möchte ich betonen, dass wir hier mit der Kettensäge operieren. So veranschlage ich etwa den täglichen Energiebedarf in der Blütezeit des Römischen Reiches, im 1. Jahrhundert u. Z., auf 31   000 Kilokalorien pro Kopf und Tag. Das liegt weit über Cooks Schätzung, der für fortgeschrittene Ackerbaugesellschaften von 26   000 Kilokalorien ausgeht. Doch die Archäologie belegt eindeutig, dass die Römer so viel Fleisch aßen, so viele Städte errichteten, so viele und größere Handelsschiffe einsetzten (und immer so weiter), wie das die Europäer erst wieder ab dem 18. Jahrhundert taten. Natürlich könnte der Energieverbrauch ohne weiteres um fünf Prozent über beziehungsweise unter meinen Schätzung liegen; doch aus Gründen, die ich im Anhang aufführe, wird er kaum zehn Prozent und ganz sicher keine 20 Prozent höher beziehungsweise niedriger gelegen haben.

    [Bild vergrößern]
    |162| Nachrichtenwesen und Kriegführung stellen uns vor ganz eigene Probleme, doch gelten auch hier die gleichen Prinzipen wie für Verstädterung und Energieausbeute, wahrscheinlich auch die gleichen Fehlermargen. Aus Gründen, die ich im Anhang und ausführlicher auf meiner Website www.ianmorris.org darstelle, müssen die Punktwerte durchweg um 15, wenn nicht sogar um 20 Prozent falsch sein, bis sich ein wirklicher Unterschied im Grundmuster der gesellschaftlichen Entwicklung ergibt. So große Abweichungen jedoch sind, den historischen Befunden zufolge, unwahrscheinlich. Um alle Restzweifel zu beseitigen, bleibt anderen Historikern nichts anderes übrig, als andere Merkmale auszuwählen, auch die Punkte anders zu vergeben und auf diese Weise zu eigenen Zahlen zu gelangen.
    Fortschritt in der Wissenschaft, so machte der Philosoph Karl Popper vor 50 Jahren geltend, sei eine Angelegenheit von »Vermutungen und Widerlegungen«, ein Zickzack-Kurs, der dadurch zustande kommt, dass ein Forscher eine Idee veröffentlicht und andere sie dann zu widerlegen trachten, um zu einer noch besseren zu gelangen. Das gilt wohl auch für die Geschichtswissenschaften. Ich bin überzeugt davon, dass jeder andere Index, der sich eng an die Fakten hält, ein Muster ergeben wird, das dem meinen mehr oder weniger gleicht. Sollte ich mich jedoch irren, sollten andere mein Schema unzulänglich finden, dann, so hoffe ich, wird sie mein Irrtum ermutigen, bessere Antworten zu finden. Um nochmals Einstein zu zitieren: »Wenn wir uns nur ein wenig bemühen, so können wir oft in einer philosophischen Theorie, die wir als falsch ablehnen mussten, einen wahren Gedanken entdecken, der wert ist, die falsche Theorie zu überleben.« 16
    Wann und wo soll man messen?
    Bleiben zwei weitere technische Fragen. Erstens: In welchen Intervallen sollten wir die Punktwerte berechnen? Wenn wir wollten, könnten wir dem Wandel in der gesellschaftlichen Entwicklung seit den 1950ern von Jahr zu Jahr, sogar von Monat zu Monat nachgehen. Ich bezweifle jedoch, dass dies besonders sinnvoll wäre. Schließlich wollen wir das Gesamtmuster erkennen, das die Geschichte über lange Perioden hinweg prägt, und dafür scheint es – wie ich im Folgenden zu zeigen hoffe – detailreich genug zu sein, wenn wir den Puls der gesellschaftlichen Entwicklung einmal pro Jahrhundert bestimmen.
    |163| Gehen wir jedoch zurück bis zum Ende der Eiszeit, ist es weder möglich noch wünschenswert, die gesellschaftliche Entwicklung im Jahrhunderttakt zu bestimmen. Wir können einfach zu wenige Unterschiede ausmachen zwischen dem, was um 14   000 v. u. Z. vor sich ging, und der Lage um 13   900 v. u. Z. (und auch nicht zu der um 13   800). Zum einen haben wir nicht genügend aussagekräftige Funde, zum anderen vollzog sich der Wandel sehr langsam. Ich benutze darum eine gleitende Skala. Von 14   000 bis 4000 v. u. Z. messe ich die gesellschaftliche Entwicklung alle 1000 Jahre. Von 4000 bis 2500 v. u. Z. werden nicht nur die

Weitere Kostenlose Bücher