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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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sehr viel besser, als im Dunkel herumzutappen.
    Wie messen?
    Nun wird es Zeit für ein paar Zahlen. Für den Zustand der Welt im Jahr 2000 u. Z. lassen sie sich ohne weiteres finden. (Weil 2000 eine so schön runde Zahl ist, nehme ich dieses Datum als Endpunkt des Index.) Die verschiedenen Programme der Vereinten Nationen veröffentlichen jährliche statistische Überblicke, denen wir zum Beispiel entnehmen können, dass der Durchschnittsamerikaner pro Jahr 83,2 Millionen Kilokalorien Energie verbraucht, der Durchschnittsjapaner dagegen nur 38 Millionen; dass 79,1 Prozent der Amerikaner in Städten leben, aber nur 66 Prozent der Japaner; dass es 375 Internethosts auf 1000 Amerikaner gibt, doch nur 73 auf 1000 Japaner, und so weiter. Die jährliche
Military Balance
des International Institute for Strategic Studies sagt uns, sofern dies nicht der Geheimhaltung unterliegt, über wie viele Soldaten und Waffen jedes Land verfügt, welche Fähigkeiten sie haben und wie viel ihre Unterhaltung kostet. Wir ertrinken in Zahlen. Doch erst wenn wir entscheiden, wie sie zu organisieren sind, ergänzen sie sich zu einem Index.
    Um das Programm weiterhin so einfach wie möglich zu gestalten, setze ich 1000 als höchsten Punktwert, der im Jahr 2000 für gesellschaftliche Entwicklung zu erreichen ist, und verteile diese 1000 Punkte gleichmäßig auf meine vier Merkmale. Als Raoul Naroll 1956 den ersten Index für gesellschaftliche Entwicklung publizierte, vergab auch er gleiche Punktmengen an die von ihm ausgewählten drei Merkmale, und zwar, wie er selbst formulierte, nur deshalb, »weil es keinen vernünftigen Grund gab, einem davon mehr Gewicht zu geben als einem anderen« 15 . Das klingt auch für unsere Zwecke hinreichend plausibel.
    Haben wir den Maximalwert für jedes Merkmal im Jahr 2000 mit 250 festgesetzt, kommen wir zum eigentlich kniffligen Teil der Aufgabe: Wir müssen nämlich entscheiden, wie wir dem Osten und dem Westen auf jeder Stufe ihrer Geschichte Punkte zuerkennen wollen. Ich möchte nicht jede dazu notwendige Operation Schritt für Schritt durchgehen (ich fasse die Daten und einige der Hauptkomplexe im Anhang am Ende des Buchs zusammen), doch es wird nichts schaden, zumindest einen kurzen Blick in diese Werkstatt zu werfen und die Prozedur zu skizzieren. (Leser, die daran weniger Interesse haben, können zum nächsten Abschnitt vorblättern.)
    |157| Verstädterung ist vermutlich das einfachste Merkmal, hat aber auch seine Tücken. Das erste Problem ist definitorischer Art: Was genau ist Verstädterung? Einige Sozialwissenschaftler definieren sie als Anteil der Bevölkerung, der in Siedlungen über einer bestimmten Größe (sagen wir: über 10   000 Einwohner) lebt; andere als Aufteilung der Menschen in allen Siedlungstypen, von Städten bis hinab zu Weilern; wieder andere als Durchschnittsgröße der Gemeinden in einem Land. Das sind jeweils nützliche Ansätze, doch ist es schwierig für uns, sie über den gesamten zu betrachtenden Zeitraum anzuwenden, da sich die Art der Befunde fortwährend ändert. Ich habe mich entschieden, es mit einem einfacheren Maß zu versuchen: mit der Größe der zum jeweiligen Zeitpunkt größten bekannten Siedlung im Osten und im Westen.
    Die Konzentration auf die jeweils größte Stadt beseitigt die definitorischen Probleme nicht, denn noch immer bleibt uns festzulegen, wie wir die Grenzen von Städten bestimmen und wie wir die unterschiedlichen Befunde verbinden, um in diesem Rahmen zu Zahlen zu gelangen. Allerdings haben wir mit dieser Methode die Ungewissheiten auf ein Minimum reduziert. Beim Experimentieren mit den Zahlen habe ich herausgefunden, dass die Kombination des Merkmals größte Stadt mit anderen Kriterien – zum Beispiel der Verteilung der Menschen zwischen Städten und Dörfern oder der Durchschnittsgröße der Städte – die Aufgabe enorm erschwerte, das Gesamtergebnis aber praktisch nicht beeinflusste. Wenn indes kompliziertere Messverfahren eine Menge mehr Arbeit machen und doch nur ungefähr gleiche Ergebnisse liefern, kann ich auch bei der einfachen Stadtgröße bleiben.
    Im Jahr 2000 u. Z. stuften die meisten Geographen Tokio mit seinen damals rund 26,7 Millionen Einwohnern als größte Stadt der Welt ein. 1* Also erhält Tokio die gesamten 250 Punkte, die für Organisation/Verstädterung zu vergeben sind. Dementsprechend ist in allen anderen Berechnungen für jeweils 106   800 Menschen (26,7 Millionen geteilt durch 250) ein Punkt zu vergeben. Die

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