Wildes Begehren
ist ins Gebüsch gekrochen und hat sich verwandelt«, erzählte Gerald. »Ich habe gesehen, wie der große Mann, Suma, sich ebenfalls verwandelt hat und sie tötete. Niemand wollte mehr in den Wald gehen, nachdem der Leopard darin verschwunden war. Der Junge hat gesehen, wie
seine Mutter starb, die einzige Mutter, die er je gekannt hat. Ich habe ihn schreien hören, Conner, und es war schrecklich.«
Conner unterdrückte die Trauer, die in ihm aufstieg. Seine Mutter hätte von ihm erwartet, dass er den Jungen zurückholte – aber nicht nur das, auch, dass er die volle Verantwortung für ihn übernahm. Langsam wandte Conner den Kopf und sah Isabeau an. Er hatte keine Wahl. Er musste tun, was getan werden musste, jeden Preis zahlen, der von ihm verlangt wurde.
Isabeau sah die Verzweiflung in seinen Augen, seine Trauer und sein Entsetzen. Aber auch die kühle Entschlossenheit. Ihr Magen verkrampfte vor Schreck, beruhigte sich dann aber langsam wieder. »Egal, was nötig ist, wir werden dich unterstützen«, bot sie ihm an.
Er ließ ihre Hand los und verbeugte sich vor Gerald und Will. »Ich danke euch, dass ihr gekommen seid, um mir diese Nachricht persönlich zu überbringen. Ihr könnt Adan versichern, dass wir die Kinder zurückholen werden. Er soll sich an den Plan halten. Ich finde deinen Sohn, Will. Du kennst mich. Ich bringe ihn nach Hause.«
Den Blick unverwandt auf Conner gerichtet, nickte Will. »Der Grund, warum ich in dieser Angelegenheit hinter meinem Vater stehe, bist du. Wir werden dir helfen, wenn du uns brauchst.«
Conner erhob sich und streckte eine Hand nach Isabeau aus, um ihr hochzuhelfen. Dann wartete er, bis die beiden anderen Männer ebenfalls aufgestanden waren. »Wir zählen auf eure Mitarbeit. Es ist wichtig, euren Stamm in dem Glauben zu lassen, dass Adan tut, was Cortez von ihm will.«
Gerald nickte und schüttelte ihm die Hand. Traurig sah
Conner den beiden nach. Beinah hätte er vergessen, das Signal für sicheres Geleit zu geben, dass es den beiden Stammesvertretern gestattete, unbehelligt von den Leoparden zu ihrem Dorf zurückzukommen. Kurz darauf kam Rio über die Lichtung geschlendert, er war noch dabei, sein T-Shirt überzustreifen.
»Ziemlich voll im Wald. Was gibt’s Neues?«
»Etwas sehr Persönliches. Es sieht so aus, als hätte ich einen kleinen Bruder, den Imelda zusammen mit den anderen Kindern entführt hat. Wenn sie herausfindet, dass er ein Leopardenmensch ist …« Conner brach ab. Dann fanden sie das Kind bestimmt nie wieder. Imelda würde den Jungen verstecken und ihn selbst aufziehen.
Rio runzelte die Stirn. »Dann müsste dein Dorf doch bereit sein, uns zu helfen …«
Wütend fuhr Conner herum, doch das dumpfe Grummeln in seiner Brust war Warnung genug. Er konnte nicht anders, er musste brüllen. »Wir werden nicht einmal in seine Nähe gehen. Lass uns dieses Biest erledigen.« Damit drehte er sich auf dem Absatz um und stapfte über die Lichtung zur Hütte.
Isabeau sah Rio an. Sein Stirnrunzeln hatte sich vertieft, und Sorgenfalten gruben sich in sein Gesicht. »Sein Vater hat das Kind verstoßen«, erklärte sie. »Du darfst ihn nicht mit diesem Mann zusammenkommen lassen.« Irgendwie fühlte sie sich, als hätte sie Conner verraten, doch andererseits wusste sie instinktiv, dass Rio derjenige war, der Conner am ehesten davon abhalten konnte, etwas Voreiliges zu tun.
»Danke«, sagte Rio, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Das musste ich wissen.«
Es lag am Geruchssinn. Isabeau sah sich um und erkannte, dass Leoparden die Gefühlslage anhand von Gerüchen beurteilten. Auf diese Weise erfuhren sie wesentlich mehr als ihr menschliches Gegenüber. Auch in ihrer menschlichen Gestalt setzten sie ihre ausgeprägten Katzensinne ein, was ihnen in allen Situationen einen Vorteil verschaffte. Sie musste unbedingt lernen, wie man das machte.
Sie folgte Rio, jedoch wesentlich langsamer, denn in Gedanken sah sie noch den Ausdruck in Conners Gesicht gerade eben. Sie versuchte sich zu vergegenwärtigen, wie er dabei gerochen hatte. Was war ihm in diesem Augenblick wohl durch den Kopf gegangen? Er hatte sich ganz offensichtlich zu etwas entschlossen. Er wollte seinen Bruder zurückholen, und das bedeutete …
Isabeau schluckte schwer und schwankte ein wenig. Conner hatte ihr gesagt, dass er Imelda Cortez nicht verführen würde. Sie wollten sich auf irgendeine andere Art Zugang zu ihrer Festung verschaffen, vielleicht indem sie einen der anderen vorschickten,
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