01 - Nacht der Verzückung
auf Lilys Schultern.
***
Lauten und
Gwendoline standen da und blickten ihr nach. »Also wirklich!« Gwendoline atmete
vernehmlich aus und trat neben ihre Cousine, als Lily sich außer Hörweite
befand. »In meinem ganzen Leben bin ich noch niemals so beleidigt worden. Wie
konnte sie sich nur erdreisten, stehen zu bleiben und mit uns zu sprechen -besonders
mit dir?«
»Wie
sie sich erdreisten konnte, Gwen?« Lauren blickte der sich entfernenden Gestalt
nach. »Sie ist Nevilles Frau. Sie ist deine Schwägerin. Sie ist Gräfin
von Kilbourne. Außerdem habe ich sie angesprochen.« Sie lachte, obwohl es nicht
belustigt klang. »Sie ist ganz entzückend.«
»Entzückend?«, stieß
Gwendoline mit äußerster Verachtung hervor. »Sie würde selbst einem Bettler die
Schamesröte ins Gesicht treiben. Versucht sie vorsätzlich, Neville zu
diskreditieren, oder weiß sie es einfach nicht besser? Sie hat sich vor aller
Augen in beiden Dörfern gezeigt, in diesem Aufzug - ohne Haube, ohne
Schuhe, ohne ...« Sie machte ein Geräusch der Verärgerung. »Hat sie überhaupt
keine Ahnung, wie man sich zu benehmen hat?«
»Aber,
Gwen«, sagte Lauren so leise, dass ihre Cousine die Worte fast nicht vernahm,
»hast du nicht gesehen, dass sie impulsiv und ursprünglich ist? Sie ist so
anders als die meisten. Sie gehört zu einer Art von Frauen, die eines Mannes
Augen und Sehnsüchte anzieht. Nevilles, zum Beispiel.«
Gwendoline
starrte ihre Cousine ungläubig an. »Bist du verrückt?«, fragte sie fassungslos.
»Sie ist widerwärtig. Sie ist unmöglich. Und besonders du solltest sie hassen,
Lauren. Und du verteidigst sie auch noch!«
Lauten
lachte erneut in sich hinein, während sie die Auffahrt überquerte und zum
Witwenhaus schlenderte. »Ich versuche nur, sie mit Nevilles Augen zu sehen«,
sagte sie. »Ich versuche zu begreifen, warum er mich verließ und mir sagte, ich
solle nicht auf ihn warten, und dann sie traf und heiratete. Oh, Gwen, natürlich hasse ich sie.« Zum ersten Mal wurde ihre Stimme leidenschaftlich, obwohl
sie nicht lauter wurde. »Ich verspüre den tiefsten Hass. Ich wünschte, sie wäre
tot. Ich weiß, dass ich nicht so empfinden sollte. Ich bin erschrocken über
meine Gefühle. Ich wünsche mir, sie wäre tot. Und daher muss ich
versuchen, versteh doch ... ja, ich muss versuchen zu verstehen. Letztendlich
ist es nicht ihre Schuld, oder? Ich bin mir sicher, dass Neville ihr von mir
nicht mehr erzählt hat, als er mir von ihr erzählt hat. Und was gab es auch zu
erzählen? Er hatte mir gesagt, dass ich nicht auf ihn warten sollte. Er
war mir zu nichts verpflichtet. Wir waren nicht verlobt. Ich muss versuchen,
sie zu mögen. Ich werde versuchen, sie zu mögen.«
Gwendoline
hinkte an ihrer Seite und konnte kaum Schritt halten. »Nun, ich habe jedenfalls
nicht vor, es zu versuchen«, sagte sie. »Ich werde sie für uns beide hassen.
Sie hat dein und Nevilles Leben ruiniert - wobei er sich das voll und
ganz selbst zuzuschreiben hat – und ihr seid die beiden Menschen, die ich mehr
liebe als alle anderen. Und erzähle mir nicht, dass Lily keine Schuld trifft. Natürlich trifft sie keine Schuld und natürlich bin ich ihr gegenüber nicht gerecht.
Aber sie ist trotzdem widerwärtig und wie sollte ich sie nicht hassen, wenn ich
sehe, wie furchtbar unglücklich du bist?«
Sie
hatten das Haus erreicht. Doch bevor sie eintraten, blieb Lauten stehen. »Wir
werden ihr einiges beibringen müssen«, sagte sie und ihre Stimme klang wieder
so tonlos wie am Tag zuvor. »Wie sie sich kleiden muss, wie sie sich zu
benehmen hat, wie sie eine Dame wird. Ich werde sie morgen einladen, Gwen. Ich
werde versuchen ... nett zu ihr zu sein.
»Und
wir werden versuchen, das Harfespiel zu erlernen und wie man einen
Heiligenschein auf dem Kopf balanciert«, sagte Gwendoline hämisch, »damit wir
in unserer Todesstunde zu Heiligen oder Engeln werden.«
Sie
lachten beide.
»Bitte,
Gwen«, sagte Lauten und nahm den Arm ihrer Cousine mit festem Griff, »hilf mir,
sie nicht zu hassen. Hilf mir ... oh, wie konnte Neville nur so eine ... so
eine wilde, feenhafte Kreatur heiraten? Was ist mit mir?«
Gwendoline
gab keine Antwort. Es gab keine vernünftige Antwort.
Kapitel 9
Lily fühlte sich
plötzlich, als würde sie in ein Gefängnis zurückkehren. ihre Schritte
verlangsamten sich, als das Haus in Sicht kam. Aber dann beschleunigten sie
sich wieder. Sie konnte sehen, dass Neville mit drei anderen Gentlemen draußen
auf der Terrasse stand. So
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