01 - Nacht der Verzückung
blaues Baumwollkleid an. Sie musste nach
draußen, wo sie atmen konnte. Sie vergeudete keine Zeit damit, sich eine Haube
oder ihre alten Schuhe anzuziehen. Es verlangte sie danach, Mutter Erde unter
ihren Füßen zu spüren. Es verlangte sie danach, den Wind in ihrem Gesicht und
ihrem Haar zu spüren. Sie traf niemanden an auf ihrem Weg nach unten oder
während sie mit den schweren Schlössern der Vordertüren kämpfte.
Endlich
war sie draußen und am östlichen Himmel zeigte sich der erste Hauch der
Morgendämmerung. Tief atmete sie die kühle Luft ein. Sie spürte, wie sie auf
den nackten Armen eine Gänsehaut bekam und ihre Füße langsam taub wurden vor
Kälte. Unverzüglich wurde sie ruhiger und machte sich auf den Weg zum Strand.
Sie
hielt nicht an, bis sie das Ufer erreicht hatte. Dort, wo das Land endete, wo
Raum und Zeit endeten. Am Gestade der Unendlichkeit und der Ewigkeit. Der Wind,
der aus den gewaltigen Ausdehnungen des Unbekannten herüberwehte, war kräftig
und salzig und kühl. Er presste ihr das Kleid an den Körper und ließ ihr Haar
wehen. Ihre Füße versanken in dem lockeren Sand. Über ihr kreisten Möwen und
kreischten wie Geister, die bereits Zeit und Raum hinter sich gelassen hatten.
Für einen Augenblick beneidete sie sie.
Aber
nur für einen Augenblick. Sie verspürte an diesem Morgen kein wahres Verlangen,
die Grenzen ihrer Sterblichkeit zu überschreiten. Ihre Jahre in der Armee
hatten sie gelehrt, die unendliche Kostbarkeit des Augenblicks zu schätzen. Das
Leben war eine so unsichere, vergängliche Angelegenheit, so voller
Schwierigkeiten und Schrecken und Elend - und voller Wunder und Schönheit
und Geheimnisse. Wie alle anderen Menschen hatte auch sie ihre
Schicksalsschläge erlebt. Ein beinahe erdrückendes Übermaß davon hatte für sie
nach jenem Tag begonnen, der sowohl der unglücklichste als auch der schönste
Tag ihres Lebens war - als ihr Vater starb und Major Newbury sie
geheiratet hatte. Aber sie hatte überlebt.
Sie
hatte überlebt!
Und
jetzt - jetzt, in diesem kostbarsten aller Augenblicke - war sie
frei und von solch elementarer Schönheit umgeben, dass es ihr in Brust und
Kehle schmerzte. Und es schien ihr, dass der Wind durch sie hindurchblies und
sie mit dem geheimnisvollen Odem des Lebens erfüllte.
Wie
sollte sie da nicht die Hand ausstrecken, um dieses Geschenk anzunehmen?
Wie
sollte sie nicht die bedrückende Erinnerung an ihren Traum und all die Zweifel
an ihrem neuen Leben, die sie noch gestern gequält hatten, loslassen?
Zumindest
war es Leben.
Und es
war neu. Immer und jederzeit neu. jeden Tag.
Lily
streckte die Arme zur Seite aus, streckte das Gesicht der aufgehenden Sonne
entgegen und wirbelte zweimal im Sand herum, überwältigt von ihrem flüchtigen
Blick ins Herz des Mysteriums.
Sie war
am Leben.
Sie
lebte!
Erfüllt
von neuer Hoffnung, neuem Mut, neuem Überschwang machte sie sich auf, die
Gegend zu erforschen. Vorsichtig erklomm sie mit ihren nackten Füßen die Felsen
am Ende der Bucht und ergötzte sich an der zunehmenden Abgeschiedenheit, die
ihr die hohen Klippen zu ihrer Linken und der Ozean zu ihrer Rechten boten.
Obwohl die Abgeschiedenheit nicht lange andauerte. Als sie auf der Landzunge um
eine Biegung kam, konnte sie kleine Boote sehen, die vor ihr im Wasser
schaukelten, und kleine Häuser und andere Gebäude, die sich am Fuß der Klippen
drängten. Das musste das niedriger gelegene Dorf sein, erkannte sie, Lower
Newbury, das am unteren Ende jenes steilen Hügels lag, den sie vom Gasthof aus
gesehen hatte.
Lily
strahlte und setzte ihren Weg fort. Sie konnte Menschen sehen, die bereits auf
den Beinen waren, obwohl es noch sehr früh sein musste. Einfaches Volk, wie
sie.
***
Als ihre nackten
Füße sie schließlich durch die Tore von Newbury Abbey und die lange Auffahrt
hinauftrugen, fühlte Lily sich glücklich. Sie hatte den steilen Hügel nach
Upper Newbury erklommen und war über den Dorfanger gegangen, wobei sie die
wenigen Menschen, die sie traf, mit erhobener Hand gegrüßt hatte. Alle hatten
nach kurzem Zögern ihre Geste erwidert.
Es war
erstaunlich, wie ein neuer Tag Lebensgeister und Mut wiederherstellen konnte.
Doch
als sie zu ihrer Linken an dem kleinen Pfad vorbeilief, auf den sie und Neville
am vorherigen Tag auf ihrem Weg von der Kirche eingebogen waren, sah sie nicht
weit entfernt zwei Damen in ihre Richtung spazieren. Lily blieb stehen und
lächelte. Es waren sehr elegant gekleidete junge Damen, wahrscheinlich
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