01 - Nacht der Verzückung
Gäste
des Hauses, obwohl sie keine von beiden wieder erkannte.
Die
eine war groß und schlank und dunkelhaarig, die andere etwas kleiner, hatte
helleres Haar und hinkte leicht. Der Anblick ihrer makellosen Eleganz erinnerte
Lily daran, wie sie in ihrem abgetragenen Kleid und mit nackten Füßen aussehen
musste, das Haar offen und lockig und vom Wind zerzaust und der Teint durch die
frische Luft und den Fußmarsch rosig. Sie zögerte und wollte schon fast
weitergehen. Schließlich waren diese Damen Fremde.
Dann
aber erkannte sie mit einem Flattern in der Magengegend die Größere der beiden,
obwohl ihr Gesicht am Tag zuvor verschleiert gewesen war.
Und die
beiden erkannten sie. Das war offensichtlich. Beide blieben stehen. Beide sahen
sie mit aufgerissenen Augen und dem gleichen Ausdruck des Entsetzens an. Dann
kam die größere Dame näher.
»Du
bist Lily«, sagte sie. Sie war schön, trotz ihres bleichen Gesichts und der
dunklen Schatten unter ihren violetten Augen.
»Ja.«
Die andere Dame hatte sich, wie Lily bemerkte, in offensichtlicher
Feindseligkeit versteift. »Und du bist Lauren. Major Newburys Braut.«
»Major
...?« Lauten verstand und nickte. »Ah ja - Neville. Ich bin erfreut,
deine Bekanntschaft zu machen, Lily. Dies hier ist Lady Gwendoline, Lady Muir,
Nevilles Schwester.«
Seine Schwester. Ihre Schwägerin. Lady Gwendoline blitzte sie mit unverhohlener Abneigung an
und schwieg.
Sie
blieb stehen, wo sie war.
Laurens
Gesicht zeigte keine solche Regung. Noch irgendeine andere. Es war eine
bleiche Maske.
»Es tut
mir so Leid, was gestern geschehen ist«, sagte Lily - oh, die
Unzulänglichkeit von Worten. »Wirklich.«
»Nun
ja.« Lauren, stellte sie fest, sah ihr nicht wirklich in die Augen. »Betrachten
wir es von der guten Seite. Besser gestern als heute oder morgen. Aber du bist
ohne Begleitung oder Dienstmagd ausgegangen? Das solltest du nicht tun. Weiß
Neville davon?«
Lily
verspürte das unwiderstehliche Verlangen, die fürchterliche Peinlichkeit des
Zusammentreffens zu überwinden und etwas zu sagen, was den leeren Blick aus dem
Gesicht der anderen Frau vertreiben würde. »Oh, es war ein so wundervoller
Morgen«, sagte sie zu Lauten. »Ich ging hinunter an den Strand, um den
Sonnenaufgang zu erleben, und dann kletterte ich aus purer Neugier über die
Felsen und gelangte zu dem dahinter liegenden Dorf. Einige Fischer machten
sich bereit auszulaufen und ihre Frauen waren bei ihnen, um ihnen zu helfen,
und ihre Kinder rannten spielend herum. Ich sprach mit einigen der Leute und
sie waren so nett zu mir. Ich frühstückte mit Mrs. Fundy -kennt ihr sie? -
und spielte mit ihren Kindern, während sie das Kleinste fütterte. Ich weiß
nicht, wie sie es schafft, sich um vier so kleine Kinder zu kümmern und
gleichzeitig ihr Haus in Schuss zu halten, aber sie schafft es. Ich habe mich
mit allen angefreundet und versprochen, so oft wiederzukommen, wie ich kann.«
Sie lachte. »Zuerst waren sie alle komisch und wollten vor mir Knickse machen
und sich verbeugen und mich >Mylady< nennen. Könnt ihr euch das
vorstellen?«
Lady
Gwendolines Schweigen sprach Bände.
Laurens
Gesicht verzog sich für einen Augenblick zu einem vagen Lächeln.
»Aber
ich halte euch auf«, sagte Lily und ihre Lebhaftigkeit schwand. »Es tut mir
wirklich so Leid. Du bist sehr freundlich. Er - Major Newbury -
sagte mir letzte Nacht, dass er dir sehr zugetan sei. Es wundert mich nicht.
Ich ... es tut mir einfach Leid.« Natürlich sagte sie nur das Falsche. Aber
gab es etwas Richtiges zu sagen? »Lebst du auf Newbury Abbey?«
»Im
Witwenhaus«, sagte Lauten und nickte zu den gegenüberliegenden Bäumen, durch
die bei genauem Hinsehen Lily ein Haus ausmachen konnte. »Mit Gwen und der
Gräfin, ihrer Mutter. Vielleicht darf ich dich einmal einladen. Eventuell
morgen?«
»Ja.«
Lily lächelte, zutiefst erleichtert. »Ich würde gern kommen, bitte. Ich würde
sehr gern kommen. Wirst du auch da sein ... Gwendoline?« Unsicher blickte sie
zu ihrer Schwägerin, die keine Antwort gab, deren Nasenflügel jedoch vor
mühsam gezügelter Wut bebten.
Gwendoline
liebte ihre Cousine, dachte Lily. Ihre Wut war verständlich. Sie lächelte
beiden zu, bevor sie sich auf den Weg zum Herrenhaus begab. Sie fühlte sich
beträchtlich aus der Fassung gebracht. Lauten war schön und würdevoll und
weitaus anmutiger, als sie erwartet hatte. Wie sollte Neville sie nicht lieben?
Etwas
von dem bedrückenden Gefühl des Vortages legte sich wieder
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