01 - Nacht der Verzückung
Handarbeiten beschäftigt waren. Sie sah sich gezwungen zuzugeben,
dass man ihr das Sticken nie beigebracht hatte, obwohl sie im Flicken und
Stopfen recht geschickt war. Wieder gab es eine peinliche, kurze Stille, bevor
ihre Schwiegermutter vorschlug, dass Miranda im Musikzimmer nebenan bei
geöffneten Türen für die Anwesenden Klavier spielen sollte.
Schließlich
wurde Lily durch den Butler erlöst, der bekannt gab, dass Mrs. und Miss
Holyoake gekommen seien, um der Gräfin von Kilbourne ihre Aufwartung zu machen.
Genau
wie alle anderen anwesenden Damen blickte auch Lily die Gräfinwitwe an, die
verwundert die Augenbrauen hob.
»Was
kann Mrs. Holyoake nur von mir wollen?«, fragte sie. »Ich habe sie ganz gewiss
nicht herbestellt.«
»Ich
bitte um Verzeihung, Mylady«, sagte Mr. Forbes mit einem diskreten Räuspern,
»aber soweit ich weiß, hat seine Lordschaft sie hergebeten - für seine
Gemahlin. Ich habe sie in den Blauen Salon geführt.«
Lily
fühlte sich durch den hastig überspielten Ausdruck der Kränkung auf dem Gesicht
ihrer Schwiegermutter peinlichst berührt, die augenscheinlich vergessen hatte,
dass sie, Lily, nun die Gräfin von Kilbourne war. Die Situation war völlig
unmöglich, dachte Lily zum unzähligsten Mal - nur dass man es nicht dabei
belassen konnte. Sie musste lernen, mit dieser Situation zu leben. Sie alle
würden damit leben müssen.
Als sie
den Morgensalon verließ, kam Lady Elizabeth mit ausgestreckten Armen auf sie
zugeeilt.
»Lily«,
sagte sie, nahm ihre Hände und küsste sie auf die Wange. »Guten Morgen, meine
Liebe. Es ist gut, Forbes, ich werde Ihre Ladyschaft zu den Holyoakes führen.
Sie sind die Dorfschneider, Lily. Neville sprach vorhin mit mir und bat mich,
mich darum zu kümmern, dass sie bei dir für so viele hübsche Kleider Maß
nehmen, wie sie nur anfertigen können.«
Eine
verlockende Aussicht, das musste Lily zugeben. Die beiden Kleider, die sie
besaß, wurden den Anforderungen ihres neuen Lebens in keiner Weise gerecht.
Doch im Blauen Salon wartete nur noch größere Verwirrung auf sie. Nachdem sie
Mrs. Holyoake und ihrer Tochter vorgestellt worden war, schwarzhaarigen,
braunäugigen Damen, die eine verblüffende Ähnlichkeit aufwiesen, und nachdem
sie sich tief vor ihr verbeugt und sie »Mylady« genannt hatten, stellte sie
fest, dass sie derart viele Stoffbahnen und Muster und Werkzeuge ihres Berufes
mitgebracht hatten, dass es sicher zahlreicher Dienstboten bedurft hatte, alles
hineinzutragen.
»Wäre
es nicht bequemer gewesen, wenn ich zu euch gekommen wäre?«, fragte sie.
Beide
Damen blickten schockiert drein und Elizabeth lachte.
»Nicht
wenn man die Gräfin von Kilbourne auf Newbury Abbey ist, Lily«, sagte sie.
Es
hatte den Anschein, dass sie nicht zwei oder drei neue Kleider bekommen sollte,
was Lily schon als unmöglichen Luxus empfunden hätte, sondern gleich ein
Dutzend und mehr. Als sie Einwände erhob, wurde ihr erläutert, dass sie Kleider
für den Morgen, zum Tee und für den Abend brauchte - ein paar für
Familienabende, ein paar für Dinnerpartys, ein paar für Bälle - und
Kleider zum Ausgehen und solche für die Kutsche. Und einen Reitdress, nachdem
herausgekommen war, dass sie reiten konnte - obwohl sie das vielleicht
besser nicht hätte sagen sollen, da sie gewiss keine erfahrene Reiterin war.
Sie
lernte, dass die verschiedenen Anlässe Kleider in verschiedenen Stoffen und
verschiedenen Schnittmustern verlangten. Es gab zahlreiche Farben, unter denen
man wählen konnte, aber man konnte nicht einfach etwas aussuchen, nur weil man
es hübsch fand. Offensichtlich gab es Farben, die einigen Leuten standen und
anderen nicht. Es gab Farben, die im Tageslicht gut aussahen und andere, die
besser für Kerzenlicht geeignet waren. Und es gab alle möglichen Arten von
Verzierungen, die wiederum zu verschiedenen Stoffen und Tageszeiten und
Gelegenheiten passten. Es gab Besatzstücke von der gleichen Farbe wie die
Kleider, die sie schmücken sollten. Es gab andere, die einen Kontrast zu der
Farbe bilden sollten - oder auch nicht. Es gab Stile, die in Mode waren,
und andere, die zu sehr Avantgarde oder zu passé waren. Es gab
Stile, die besser zu einem jungen Mädchen passten, und andere, die geeignet
waren für eine junge, verheiratete Frau oder für eine ältere Dame. Es musste
Maß genommen werden. Es gab ...
Trotz
Elizabeth' Freundlichkeit und des Respekts, den die beiden Schneiderinnen ihr
entgegenbrachten, fühlte sich Lily bald wie eine
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