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01 - Nacht der Verzückung

01 - Nacht der Verzückung

Titel: 01 - Nacht der Verzückung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mary Balogh
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eine Vorstellung? Sie fuhr
fort, jeden mit Ungezwungenheit und Zuneigung zu begrüßen, bevor sie sich neben
Lily auf ein Zweiersofa setzte.
    Der
Kontrast zwischen den beiden - zwischen seiner Gemahlin und der Frau, die
vor zwei Tagen beinahe seine Gemahlin geworden wäre -hätte auffallender
kaum sein können. Lily, klein, hübsch, still, leicht verwirrt, wenn jemand sie
ansprach, lehnte sich zurück, trank ihren Tee aus, ohne auch nur einmal die
Tasse auf der Untertasse abzusetzen, und ließ so ziemlich jede »Präsenz«
vermissen, die seine Mutter bei einer Gräfin für so wichtig hielt. Lauren,
groß, schön und elegant, ganz in ihrem Metier, saß mit aufrechter und dennoch
anmutiger Haltung da, wobei ihr Rücken nicht die Lehne des Sofas berührte,
nippte an ihrer Tasse und setzte sie mit der vollen Wertschätzung einer wahren
Dame für edle Besitztümer wieder ab.
    Fast
sah es aus, dachte Neville, als habe sie sich absichtlich neben Lily gesetzt,
wissend, wie sehr die Gegensätze beobachtet und kommentiert werden würden. Aber
das war ein bösartiger Gedanke. Lauren war nie bösartig gewesen. Andererseits
hatte sie sich noch nie in einer solchen Situation befunden.
    Gwen
verhielt sich schon eher so, wie er es von der zurückgewiesenen Braut erwartet
hätte. Obwohl sie sich vollkommen korrekt verhielt, bedachte sie nach der
ersten, steifen Begrüßung sowohl Lily als auch ihn mit nachdrücklicher
Nichtbeachtung. Sie beschränkte ihre Konversation auf eine Gruppe von Cousinen.
    Neville
hatte halb erwartet - und mehr noch gehofft
    dass
Lauren Newbury Abbey im Laufe des Vormittags zusammen mit ihrem Großvater und
Mr. Calvin Dorsey verlassen würde, der dem älteren Gentleman seit dem Tag der
geplatzten Hochzeit ein stiller Trostspender war und die Güte besessen hatte,
für den ersten Tag der Rückreise des Barons nach Yorkshire seine Gesellschaft
anzubieten. Aber Lauren war nicht mit ihnen gegangen. Newbury war immerhin für
den Großteil ihres Lebens ihr Zuhause gewesen. Und vielleicht, dachte Neville,
war es wichtig für sie, nicht wegzulaufen, sondern zu bleiben und sich ihren
neuen Lebensbedingungen zu stellen.
    Sie
verhielt sich großartig. Vielleicht sollte er erleichtert sein - in
gewisser Weise war er es. Aber er musste daran denken, wie Lauren als Kind
ständig voller Freude davon erzählt hatte, was sie alles tun würde, wenn ihre
Mama erst wieder da wäre - bis sie eines Tages vollkommen damit aufhörte
und ihre Mama nie wieder erwähnte. Und wie sie, als sie älter war, begierig
davon gesprochen hatte, an die Familie ihres Vaters zu schreiben und wieder mit
ihnen in Kontakt zu treten und vielleicht einige Monate bei ihnen zu verbringen
- bis sie von einem Tag auf den anderen kein Sterbenswörtchen mehr über
sie verlor, nachdem sie eine Antwort auf ihren Brief erhalten hatte. Schweigen
in beiden Fällen. Kein Verlust der Fröhlichkeit. Nur absolutes Schweigen.
    Kein
Fremder, der in diesem Moment den Salon beträte, würde vermuten, dass Lauren
noch vor zwei Tagen eine Braut gewesen war - seine Braut - und dass
ihre Hoffnungen plötzlich und grausam zerstört worden waren.
    Lauren,
dachte er voller Unbehagen, erinnerte ihn an ein Pulverfass, äußerlich völlig
harmlos, aber auf den Funken wartend, der es entzünden würde.
    Vielleicht
hatte er Unrecht. Vielleicht war Lauren zu solcher Leidenschaft nicht fähig.
    Aber
ein Teil von ihm wünschte sich, sie wäre wutentbrannt auf ihn losgegangen, als
er sie vor zwei Tagen besucht hatte. Und ein Teil von ihm wünschte sich, dass
sie heute Nachmittag in den Salon gestürmt wäre und eine laute und skandalöse
Szene gemacht hätte.
    Pauline
Bray, James' Schwester, machte schließlich einen Vorschlag, der die merkwürdig
angespannte Normalität der Zusammenkunft im Salon durchbrach.
    »Ich
denke, ich werde einen Spaziergang machen«, verkündete sie. »Seht nur, die
Sonne ist herausgekommen und das Gras sollte nach dem Regen der letzten Nacht
inzwischen getrocknet sein. Hat jemand Lust, mich zu begleiten?«
    Wie es
aussah, hatten fast alle Lust. Die Cousinen und Cousins nahmen den Vorschlag
mit einem gewissen Enthusiasmus an und sogar einige der älteren Verwandten
zeigten sich gewillt, an die frische Luft zu gehen. Es gab eine kurze
Diskussion darüber, ob man den Rhododendronweg über den Hügel hinter dem Haus
nehmen oder hinunter an den Strand gehen sollte. Man gab dem Strand den Vorzug,
obwohl Wilma protestierte, dass die Seeluft ruinös für den Teint

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