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09 - Old Surehand III

09 - Old Surehand III

Titel: 09 - Old Surehand III Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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werdet es dulden!“ fuhr ich ihn drohend an. „Apanatschka, bewache ihn, und wenn er die geringste drohende Bewegung macht, so reitest du ihn nieder, aber gleich so, daß er Arme und Beine bricht! Ich helfe mit!“
    „Mein Bruder Shatterhand kann sich auf mich verlassen“, antwortete Apanatschka; „er mag mit der Squaw sprechen, und wenn der weiße Medizinmann nur eine Hand bewegt, wird er im nächsten Augenblick eine unter den Pferdehufen zertretene Leiche sein!“
    Er postierte sich ganz nahe an Thibaut hin, und da ich wußte, daß er seine Drohung wahr machen würde, so fühlte ich mich sicher.
    „Bist du heut im Kaam-kulano gewesen?“ fragte ich die Frau.
    Sie schüttelte den Kopf und sah mich mit so geistesleeren Augen an, daß sie mir förmlich wehe taten. Selbst die Leere kann aggressiv wirken.
    „Hast du einen Nina Ta-a-upa (Gatte)?“ fragte ich weiter.
    Sie schüttelte abermals den Kopf.
    „Wo ist dein To-ats (Sohn)?“
    Abermaliges Schütteln.
    „Hast du deine Kokheh (Ältere Schwester) gesehen?“
    Ganz dasselbe gedankenlose Schütteln wieder überzeugte mich, daß sie für Fragen, welche das Komantschenleben betrafen, jetzt unempfänglich sei. Ich machte einen andern Versuch:
    „Hast du Wawa Ikwehtsi'pa gekannt?“
    „Ik – we – tsi'pa – – –“ hauchte sie.
    „Ja. Ik – we – tsi – 'pa –“ wiederholte ich jede Silbe mit Betonung.
    Da antwortete sie, zwar wie im Traum, aber doch:
    „Ikwehtsi'pa ist mein Wawa.“
    Also hatte ich richtig vermutet: Sie war die Schwester des Padre.
    „Kennst du Tehua? Te – hu – a!“
    „Tehua war Ikokheh (meine ältere Schwester).“
    „Wer ist Tokbela? Tok – be – la!“
    „Tokbela ist nuuh (bin ich).“
    Sie war aufmerksam geworden. Die auf ihre Kindheit und Jugend bezüglichen Worte machten Eindruck auf sie. Ihr Geist kehrte in die vor ihrem Irrsinn liegende Zeit zurück und suchte vergeblich Licht in diesem Dunkel. Darin bestand ihr Wahnsinn. Wenn ein Klang aus jener Zeit an ihr Ohr tönte, war es leicht begreiflich, daß da ihr Geist aus der Tiefe des Vergessens stieg. Ihr Blick war nicht mehr leer; er begann, sich zu füllen. Da wir aufbrechen wollten und die Zeit also höchst kostbar war, brachte ich nun gleich die Frage, welche heut für mich die wichtigste war:
    „Kennst du Mr. Bender?“
    „Bender – Bender – – – Bender – – –“ sagte sie mir nach, indem ein freundliches Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
    „Oder Mrs. Bender?“
    „Bender – Bender –!“ wiederholte sie, wobei ihr Auge immer heller, ihr Lächeln immer freundlicher und ihre Stimme immer klarer und bestimmter wurde.
    „Vielleicht Tokbela Bender?“
    „Tokbela – Bender – bin ich nicht!“
    Jetzt sah sie mich voll und mit Bewußtsein an.
    „Oder Tehua Bender?“
    Da schlug sie die Hände froh zusammen, als ob sie etwas Längstgesuchtes jetzt gefunden hätte, und antwortete mit fast wonnigem Lächeln:
    „Tehua ist Mrs. Bender, jawohl, Mrs. Bender!“
    „Hat Mrs. Bender ein Baby?“
    „Zwei Babies!“
    „Mädchen?“
    „Zwei Babies sind Knaben. Tokbela trägt sie auf den Armen.“
    „Wie nennst du diese Babies? Die Babies haben Namen!“
    „Babies sind Leo und sind Fred.“
    „Wie groß?“
    „Fred so und Leo so!“
    Sie deutete mir mit den Händen an, wie hoch die Knaben, vom Sattel an gerechnet, gewesen waren. Der Erfolg meiner Fragen war über alles Erwarten günstig. Ich sah die Augen Thibauts, den Apanatschka noch immer in Schach hielt, mit mühsam verhaltener Wut auf mich gerichtet, wie diejenigen eines blutdürstigen Raubtieres, welches im Begriff steht, sich auf seine Beute zu stürzen; aber daraus durfte ich mir nichts machen. Die Erinnerung der Frau war zurückgekehrt, und wenn ich das klug und schnell ausnützte, konnte ich heut so ganz ohne Erwarten alles erfahren, was ich wissen mußte, um in das Leben Old Surehands und Apanatschkas Licht zu bringen. Es war ja, als ob grad ich dazu bestimmt sei, dies Licht zu schaffen. Schon neigte ich mich der Squaw wieder zu, um eine neue Frage auszusprechen, als ich zu meinem größten Leidwesen daran verhindert wurde. Zwei Tramps brachten mir den Bärentöter und den Henrystutzen, wobei der eine mir sagte:
    „Old Wabble will, daß Ihr Eure Unglücksgewehre, welche den Leuten die Knochen zerschlagen, selber schleppen sollt. Wir werden sie Euch umhängen.“
    „Das muß ich selber tun. Macht mir nur für einen Augenblick die Hände frei! Dann könnt ihr

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