11 - Nie sollst Du vergessen
zerren aneinander, wie das wahrscheinlich viele Paare tun, die krampfhaft eine Beziehung bewahren wollen, die längst nicht mehr besteht, und zermürben uns gegenseitig mit diesem Gezerre. Am Ende ist das, was einmal zwischen uns war, nur noch Erinnerung, fern und unwiederbringlich verloren. Beth findet einen anderen Mann, den sie siebenundzwanzig Monate und eine Woche später heiratet. Ich bleibe, wie ich bin.
Ist es ein Wunder, dass mich schauderte, als Libby von der nächsten Stufe sprach? Dabei hatte ich doch gewusst, dass jede Beziehung mit einer Frau - solange ich noch Frauen an mich heranließ - früher oder später genau zu diesem Gespräch führen würde.
Der Reigen der Selbstvorwürfe begann. Ich hätte ihr die untere Wohnung nicht zeigen sollen. Ich hätte ihr die Wohnung nicht vermieten sollen. Ich hätte sie nicht zum Kaffee einladen sollen. Ich hätte sie nicht ins Restaurant führen, ihr nicht auf ihrer Stereoanlage dieses erste Konzert vorspielen, nicht mit ihr auf den Primrose Hill gehen sollen, um die Drachen steigen zu lassen. Ich hätte sie nicht im Segelflieger mitnehmen, nicht an ihrem Tisch essen, nicht Körper an Körper mit ihr einschlafen sollen, so dicht, dass ihr nacktes Gesäß, über dem das Nachthemd hochgerutscht war, warm und weich an mein schlaffes Glied drückte.
Das hätte ihr eigentlich alles sagen müssen: diese Schlaffheit, diese sture, durch nichts zu erschütternde Schlaffheit. Aber es hatte ihr nichts gesagt. Oder wenn doch, so wollte sie wohl aus dem Zustand dieses schlaffen Stücks Fleisch nicht die logische Schlussfolgerung ziehen.
»Es tut gut, dich hier bei mir zu haben«, sagte ich.
»Es könnte noch besser sein«, entgegnete sie. »Wir könnten beide mehr haben.« Und sie drehte ihre Hüften in dieser für Frauen typischen Art in unbewusster Nachahmung jener rotierenden Bewegung, die jeden normalen Mann zum Stoß reizt.
Aber ich bin ja, wie wir wissen, kein normaler Mann.
Ich wusste, dass mich wenigstens nach dem Akt hätte gelüsten sollen, wenn schon nicht nach der Frau. Aber ich spürte nichts. Es regte sich nichts in mir, außer vielleicht das Eis. Stille und Schatten legten sich über mich, und ein Gefühl ergriff mich, als befände ich mich außerhalb von mir, über mir, und blickte auf dieses jämmerliche Exemplar von Mann hinunter, bei dem sich nichts rührte.
Libby berührte mit ihrer kühlen Hand wieder meine Wange und sagte: »Was ist es, Gideon?« Sie wurde ganz ruhig, aber sie rückte nicht von mir ab, und aus Angst, eine unüberlegte Bewegung von mir könnte sie auf falsche Gedanken bringen, blieb auch ich völlig bewegungslos.
»Ich war bei mehreren Ärzten«, sagte ich. »Ich habe sämtliche Tests über mich ergehen lassen. Es gibt keine Erklärung dafür, Libby. Sie kommt einfach.«
»Ich spreche nicht von der Migräne, Gid.«
»Wovon dann?«
»Warum spielst du nicht mehr? Du hast doch immer gespielt. Man konnte die Uhr nach dir stellen. Jeden Morgen drei Stunden, jeden Nachmittag drei Stunden. Ich sehe Rafes Wagen jeden Tag unten auf dem Platz, aber ich höre weder ihn noch dich spielen.«
Rafe. Sie hat diese typisch amerikanische Neigung, jedem einen Spitznamen zu verpassen. Aus Raphael wurde schon bei der ersten Begegnung Rafe. Es passt überhaupt nicht zu ihm, finde ich, aber er scheint nichts gegen diese Kurzform zu haben.
Ja, er ist jeden Tag hier, genau wie sie gesagt hat. Manchmal eine Stunde, manchmal zwei oder drei Stunden. Meistens geht er auf und ab, während ich am Fenster sitze und schreibe. Er schwitzt, er wischt sich die Stirn und den Nacken mit einem Taschentuch, er wirft mir besorgte Blicke zu und stellt sich zweifellos eine Zukunft vor, in der meine Angstzustände den vorzeitigen Abbruch einer glänzenden Karriere herbeiführen und seinen Ruf als mein musikalischer Guru zunichte machen werden. Er fürchtet, dass von ihm nicht mehr bleiben wird als eine Fußnote der Geschichte, so winzig klein gedruckt, dass man eine Lupe braucht, um sie zu entziffern.
All seine Hoffnungen auf Unsterblichkeit waren immer an mich gebunden. Da steht er, ein Mann von fünfzig Jahren, der es trotz großer Begabung und höchsten Bemühens nicht einmal zum Konzertmeister gebracht hat; ein Opfer unheilbaren Lampenfiebers, das ihn stets mit vernichtender Gewalt überfiel, wenn ihm die Chance vorzuspielen geboten wurde. Der Mann ist ein brillanter Musiker, genau wie alle Mitglieder seiner Familie. Aber er hat sich im Gegensatz zu den anderen -
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