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12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem

12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem

Titel: 12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber, welcher dich bewacht, an deiner Tür schlafen werde. Er haßt dich, und er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu-Seïf fürchten müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.“
    „Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.“
    „Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige weißt du, Sihdi.“
    „Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?“
    „Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren Afijon (Opium) anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.“
    „So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.“
    Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten, darüber zu lächeln, daß Abu-Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft, der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg zur Kajüte frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung weiter und gelangten glücklich an die Tür. Dank der orientalischen Sorglosigkeit, hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht knarren, weil sie einfach aus einem Stück Leder bestanden, welches oben und unten an Tür und Pfosten aufgenagelt war.
    Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als wir uns im Innern befanden, zog ich die Tür wieder zu. Nun fühlte ich mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen. Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.
    „Was soll ich mitnehmen?“ fragte Halef.
    „Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.“
    „Weiter nichts?“
    „Nein.“
    „Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.“
    „Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns nicht.“
    „Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?“
    „Willst du ein Dieb werden? Nein!“
    „Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu greifen?“
    „Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen. Unser Geld aber haben wir noch.“
    „Nein Sihdi; das meinige haben sie genommen.“
    „Hattest du viel?“
    „Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir nehmen, was mir gehört.“
    Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu-Seïf auf Rückgabe des geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: „Der Sandyk wird verschlossen sein.“
    Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:
    „Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde dennoch öffnen.“
    „Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so gibt es einen Krach, der uns verrät!“
    „Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen können. Komm, wir wollen gehen!“
    Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht getan, davon war ich

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