12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem
könnte es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!“
Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.
„Halef, du hast mich lieb?“
„Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!“
„Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?“
„So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.“
„Das kann bloß ein Hadschi sagen.“
„O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?“
„Wie lange wirst du in Mekka sein?“
„Sieben Tage.“
„Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?“
„Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Tor. Wie mag es heißen?“
„Es ist wohl das nördliche Tor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine Bitte erfüllen?“
„Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht tun darf.“
„Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.“
„Ich gehorche.“
„Du sollst ganz so tun, als ob ich ein Moslem sei.“
„Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?“
„Welche?“
„Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch (Wörtlich: ‚heiliges Zeug‘) kaufen und viele Geschenke und Almosen geben – – –“
„Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.“
„Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der Ungläubigen geprägt.“
„So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.“
„Hast du Piaster?“
„Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf (Geldwechsler) holen.“
„Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen zu können?“
„Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts kosten.“
„Warum?“
„Ich reite mit.“
„Nach Medina, Sihdi?“ fragte er in bedenklichem Tone.
„Ja. Ist dies verboten?“
„Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du nicht.“
„Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?“
„Das ist schön, Sihdi; das geht!“
„So sind wir also einig?“
„Und wohin gehst du dann?“
„Zunächst nach Medaihn Saliha.“
„Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?“
„Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.“
„Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel immer offen steht. Und wohin willst du dann?“
„Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und Bagdad.“
„Und wirst mich mitnehmen?“
„Ja.“
Wir waren beim Tore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen arme Hadhesi (Arbeiter) oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein zerlumpter Kerl rief mich an:
„Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak – bist du gesund, Effendi, wie geht es dir, und wie ist dein Befinden?“
Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu erwidern.
„Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapferen Vaters, und wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?“
Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M'eschaleeh trug. Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das Vorrecht dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist das M'eschaleeh.
„Deine Worte sind Zaharri (Blumen); sie duften wie die Benaht el Dschennet (Töchter des Paradieses, die Houris)“, antwortete
Weitere Kostenlose Bücher