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12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem

12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem

Titel: 12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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anzusehen.
    Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie ihren Namen – Dschidda heißt ‚die Reiche‘ – nicht ganz mit Unrecht führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben, welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem Meer zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die Mauer hat drei Tore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften, in die Nysf (Hälften) von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist es, daß es hier sehr viele Häuser gibt, welche nach außen hin Fenster haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und haben hübsche Bogentüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der ganzen Länge der Stadt mit dem Meer parallel und mündet in viele Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier, Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Inder, Malayen: – alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute, welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.
    Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt, befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammutter gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.
    Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu verdienen, ist der Inder zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte, würde bald selbst ein Bettler sein.
    Vom Kirchhof weg ging ich nach dem Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um mich wurde. Da plötzlich – ist's möglich oder nicht? – erklang es vom Wasser her:
    „Jetzt geh' i zum Soala
Und kaf ma an Strick,
Bind's Diandl am Buckl,
Trog's überall mit.“
    Ein ‚G'sangl‘ aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht in dem kleinen Fahrzeug und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuch stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor, welche in der lieben Heimat den Namen ‚Vatermörder‘ zu tragen pflegt. Um die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen, dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.
    Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch besser nach rechts herum und sang:
    „Und der Türk und der Ruß,
Die zwoa gehn mi nix o',
Wann i no mit der Gret'l
Koan Kriegshandl ho'!“
    Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.
    „Türkü tschaghyr-durmak – sing weiter!“ rief ich hinüber.
    Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort nochmals hören:
    „Zwischen deiner und meiner
Is a weite Gass'n;
Bua, wennst mi not magst,
Kannst es bleiben lass'n!“
    Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:
    „Zwischen deiner und meiner
Is a enge Gass'n;
Bua, wennst mi gern magst,
Kannst herrundern lass'n!“
    Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft; dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an

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