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2312

2312

Titel: 2312 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Kim Stanley Robinson
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Phänomen mit vielen Manifestationen handelt, das zuweilen als voll entfaltete ursulinische Menschheit und bei anderen Gelegenheiten als Riesenschlamassel bezeichnet wird
    Zusammenkünfte, die einzig und allein aus geschlechtlich unbestimmten Menschen bestehen, bilden einen neuen sozialen Raum, den manche als zutiefst unangenehm empfinden; typische Kommentare sind »wie eine Nacktheit, die ich nicht für möglich gehalten hätte« oder »man ist nur man selbst, es ist entsetzlich« auslöst. Es handelt sich eindeutig um eine neuartige psychische Belastung, die
    es existieren sehr feine Unterscheidungen, einige behaupten etwa, dass Gynandromorphen nicht ganz wie Androgyne aussehen, und auch nicht wie Hermaphroditen oder Eunuchen, und ganz sicher nicht wie Bisexuelle – dass Androgyne und Gebärmänner etwas völlig Unterschiedliches sind – und so weiter. Manche erzählen in diesem Zusammenhang gerne von sich; andere schweigen sich darüber aus. Manche kleiden sich wie ein anderes Geschlecht und mischen auch ansonsten semiotische Geschlechtsanzeiger, um ihre gegenwärtige Gefühlslage zum Ausdruck zu bringen. Völlig überzogene Macho- und Femme-Verhaltensweisen, die zum Phänotyp und den semiotischen Hinweisen passen können oder auch nicht, erzeugen eine Performance-Kunst, die vom Kitschigen bis zum Wunderschönen reicht
    da es inzwischen Menschen gibt, die annähernd drei Meter groß sind und welche, die weniger als einen Meter groß sind, stellt das Geschlecht möglicherweise nicht mehr das bedeutsamste Unterscheidungskriterium bei den Menschen dar
    bis hin zur Größe von Klammeraffen, eine Modifikation, die von größeren Personen heftig verurteilt wurde, bis Langlebigkeitsstatistiken immer wieder den Zusammenhang zwischen geringer Größe und langer Lebensspanne bestätigten, insbesondere bei geringer Schwerkraft. Ein Sprichwort unter Kleinen lautet »kleiner ist feiner«
    Wir haben alle weiblich angefangen und produzieren seit jeher beide Arten von Sexualhormonen. Wir hatten sowohl maskuline als auch feminine Anlagen, aus denen nach einem Lernprozess die für das Geschlecht typischen Verhaltensweisen wurden, obwohl jeder Mensch beiderlei Anlagen in sich trägt. Wir haben einzelne Eigenschaften selektiv verstärkt oder unterdrückt, wodurch wir während des größten Teils unserer Geschichte die Geschlechterrollen verfestigt haben. Aber tief in uns drin waren wir immer beides. Und jetzt, im All, sind wir ganz offen beides. Ob nun sehr groß oder sehr klein – endlich sind wir Menschen
    Die Gefühlsstruktur dieser Kultur ließe sich ebenfalls als balkanisiert bezeichnen. Geschlechtertherapie und -ausdifferenzierung waren beide Teile des Langlebigkeitsprojekts, und die Kombination dieser drei Faktoren erzeugte eine neue Gefühlsstruktur, die oft als aufgesplittert, unterteilt, abgeschottet oder Firewall-geschützt bezeichnet wird. Normalerweise gilt die Langlebigkeit als treibende Kraft hinter dieser Entwicklung; zuvor hatte niemand länger als ein Jahrhundert lang (oder gar länger als zwei Jahrhunderte lang) seine Persönlichkeit aufrechterhalten müssen, etwas, das heutzutage oft als existenzielle Krise erlebt wird. Die Überalten verfügen über so viel Erfahrung und haben so viele Phasen durchlebt, so viele Wegbegleiter an den Tod oder einfach an die Zeit verloren, dass die anderen Menschen ihnen fremd geworden sind. Raumer, die so riesige Distanzen überwinden und bei ihren Versuchen der eigenen Optimierung oft besonders kühn sind, leben meist isoliert, in einem solipsistischen Narrativ oder einer Darbietung, die nur für sie bestimmt ist
    Menschen im All leben eine Art Nichtbindung. Oft heißt es, dass man nicht zu viel von der anderen Person mitbekommen und keine zu intensive Beziehung herstellen sollte, wenn man sie über lange Zeit aufrechterhalten möchte, da sie ansonsten ausbrennt. Stellt man sich auf lange Zeitläufte ein, dann verteilt man sich selbst auf ein Netzwerk von Bekanntschaften und neuen Freunden und zieht weiter, sobald
    bekanntermaßen wird Liebe in verschiedenen Kulturen und in verschiedenen historischen Epochen unterschiedlich definiert. Die »balkanisierte Liebe« bezieht sich auf eine Situation, in der Zuneigung, das Großziehen von Kindern, Sex, Lust, Kohabitation, Familie und Freundschaft allesamt voneinander entkoppelt und als Affektzustände rekonfiguriert worden sind, genau wie die Individuen und Gesellschaften
    Sex selbst ist, nachdem er von Fortpflanzung, Liebe,

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