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2312

2312

Titel: 2312 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Kim Stanley Robinson
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unmittelbar nach ihrem Zusammenbruch, aber sie war nach wie vor langsamer als zuvor. Wahram störte sich nicht daran; tatsächlich gefiel ihm das langsamere Tempo. Morgens hatte er immer noch ziemlichen Muskelkater, aber es schien nicht schlimmer zu werden; und er verspürte auch keine Schwäche oder Übelkeit, obwohl er voller Sorge auf solche Symptome achtete. Oft war ihm ein bisschen schwummrig. Swan hatte sich alle Kopfhaare ausgerissen und dabei eine ganze Reihe verschorfter Stellen hinterlassen.
    »Was ist mit dir?«, sagte er einmal. »Erzähl mir mehr von dir. Hast du wirklich Stunden am Stück nackt auf Eisblöcken gelegen? Hast du dir Darstellungen des Sonnensystems in die Haut geritzt und dir mit Blut Muster auf den Leib gezeichnet?«
    Sie ging vor ihm, und jetzt zögerte sie, blieb dann stehen und überließ ihm die Führung. »Ich möchte dir nicht über die Schulter zurufen«, erklärte sie, als er an ihr vorbeiging.
    »Und ja«, sagte sie, als es weiterging, »ich habe all das getan, und auch andere Abramov i cs. Ich bin der Meinung, dass der Körper ein gutes Rohmaterial für Kunst darstellt. Aber das war vor allen Dingen in meinen Fünfzigern.«
    »Und davor?«
    »Geboren wurde ich wie gesagt in Terminator. Damals hat man die Stadt gerade erst errichtet, und als ich ein Hofkind war, baute man noch das Bewässerungssystem ein. Es war eine große Sache, als die Erde eintraf. Sie kam aus großen Rohren, wie flüssiger Zement, nur schwarz. Ich habe mit meiner Mutter inmitten von alldem gespielt, während sie die ersten Ernten eingeholt haben und die Pflanzen im Park zu sprießen begannen. Als Kind war es da toll. Kaum vorzustellen, dass all das bereits tot ist, wenn wir wieder nach oben gelangen. Das muss ich sehen, damit ich es glaube. Jedenfalls bin ich dort aufgewachsen.«
    »Die Vergangenheit ist immer verloren«, sagte Wahram. »Ob die Orte nun noch existieren oder nicht.«
    »Für dich vielleicht, o Weiser«, sagte sie. »Ich habe das nie so gesehen. Wie dem auch sei, danach habe ich eine Weile auf der Venus gelebt und für Shukra gearbeitet. Und dann habe ich Terrarien entwickelt. Danach bin ich zu Kunstwerken übergegangen und habe mit Landschaften und Körpern gearbeitet. Goldsworthys und Abramov i cs, die mich beide immer noch sehr interessieren und mit denen ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Ich gehe dorthin, wo ich gerade Aufträge bekomme. Aber ich habe ein ständiges Zimmer in Terminator. Meine Eltern sind beide gestorben, weshalb meine Großeltern Alex und Mqaret in gewisser Weise ihren Platz für mich eingenommen haben. Wenn man sich die beiden ansieht, kann man schwerlich etwas gegen Paarbindungen sagen. Der arme Mqaret.«
    »Nein, ich weiß«, sagte er. »Ich habe ja auch vom Großziehen von Kindern gesprochen, dafür braucht man anscheinend mehr als zwei. Das musst du doch auch festgestellt haben?«
    Sie warf ihm einen Blick zu. »Eines der beiden ist irgendwo dort draußen. Das Kind, das ich mit Zasha hatte, ist gestorben.«
    »Tut mir leid.«
    »Nun ja, sie war alt. Ich will im Moment nicht darüber reden.«
    Tatsächlich wurde sie langsamer, und er hatte den Eindruck, dass sie leicht vornübergebeugt lief. »Geht es dir gut?«
    »Ich fühle mich wieder schwächer.«
    »Möchtest du eine Pause machen?«
    »Nein.«
    Also schleppten sie sich schweigend weiter.
    Er half ihr für den Rest der Stunde und stützte sie beim Gehen, indem er ihr einen Arm um den Rücken legte und sie aufrecht hielt. Nach der Pause richtete sie sich unter Mühen auf und ging weiter, ohne irgendwelchen Widerspruch zu dulden. Als sie die nächste Station erreichten, schaute er in alle Schränke und Kammern, und in der letzten (aber man fand das, was man suchte, eben immer am letzten Ort, an dem man nachsah) fand er einen kleinen vierrädrigen Rollwagen mit einer Stange auf Brusthöhe an einer Seite. Der Rest bestand aus einer Ladefläche unmittelbar über den Rädern, die etwa ein mal zwei Meter groß war. Die beiden lenkbaren Räder befanden sich von der Stange aus gesehen am anderen Ende.
    »Wie wär’s, wenn wir unsere Rucksäcke hier drauflegen und ich sie schiebe«, schlug er vor.
    Sie schaute ihn an. »Du denkst, du könntest mich durch die Gegend schieben.«
    »Es wäre leichter, als dich zu tragen, falls es so weit kommt.«
    Sie warf ihren Rucksack auf den Wagen und ging am nächsten Morgen vor ihm los. Erst musste er sich beeilen, doch dann holte er sie ein, und dann wurde er gemeinsam mit ihr

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