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Klar, sie war klein. Die meisten Menschen blieben von der Gesellschaft ausgeschlossen. Im siebzehnten Jahrhundert zum Beispiel starben auf jedem Sklavenschiff mindestens zwanzig Prozent der Ware, also der Farbigen, die zum Verkauf auf den Märkten von, sagen wir, Virginia transportiert wurden. Und weder regte sich irgendjemand darüber auf noch wurde daraus eine Schlagzeile in der Zeitung von Virginia, noch forderte irgendjemand den Kopf des Kapitäns, der das Sklavenschiff befehligt hatte. Wenn dagegen ein Farmer in einem Anfall von Wahnsinn seinen Nachbarn umbrachte, im Galopp nach Hause sprengte und kaum abgestiegen seine Frau erstach, unterm Strich zwei Tote, versetzte das die Gesellschaft von Virginia für mindestens sechs Monate in einen Schockzustand, und die Geschichte vom Mörderreiter konnte Generationen überdauern. Oder die Franzosen. Während der Pariser Kommune von 1871 wurden Tausende von Menschen umgebracht, und niemand weinte ihnen eine Träne nach. Im gleichen Zeitraum ermordete ein Scherenschleifer Frau und Mutter (nicht ihre Mutter, lieber Freund, sondern seine eigene) und wurde dann von der Polizei erschossen. Die Nachricht ging nicht nur durch sämtliche französischen Zeitungen, sondern fand auch in der europäischen Presse und sogar im Examiner aus New York Erwähnung. Erklärung: Die Toten der Pariser Kommune gehörten nicht zur Gesellschaft, die Farbigen, die auf den Schiffen umkamen, gehörten nicht zur Gesellschaft, die in einer französischen Provinzhauptstadt ermordete Frau und der Mörderreiter aus Virginia dagegen schon, das heißt, was ihnen zustieß, konnte man schreiben und lesen. Auch hier übten sich die Worte eher in der Kunst der Verschleierung als in der Kunst der Enthüllung. Oder vielleicht enthüllten sie auch etwas. Aber was, das kann ich Ihnen leider nicht sagen.
Der Jüngere bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
»Das war nicht Ihre erste Reise nach Mexiko«, sagte er, die Hände senkend, mit einem katzenhaften Lächeln.
»Nein«, sagte der Weißhaarige, »ich war vor einiger Zeit, vor ein paar Jahren, schon einmal da und versuchte zu helfen, aber vergeblich.«
»Und warum sind Sie jetzt wiedergekommen?«
»Um mir ein Bild zu machen «, sagte der Weißhaarige. »Ich habe bei einem Freund gewohnt, den ich bei meinem letzten Besuch kennengelernt hatte. Die Mexikaner sind sehr gastfreundlich.«
»Es war keine offizielle Reise?«
»Nein, nein«, sagte der Weißhaarige.
»Und was ist Ihre nichtoffizielle Meinung zu dem, was hier passiert?«
»Ich habe mehrere Meinungen, Edward, und ich möchte nicht, dass auch nur eine davon ohne meine Zustimmung in die Öffentlichkeit gelangt.«
»Professor Kessler, ich schweige wie ein Grab.«
»Gut«, sagte der Weißhaarige. »Ich werde dir drei Überzeugungen mitteilen. A: Diese Gesellschaft steht außerhalb der Gesellschaft, alle, wirklich alle dort sind wie die ersten Christen im Zirkus. B: Die Verbrechen tragen verschiedene Handschriften. C: Diese Stadt wirkt vital, wirkt irgendwie fortschrittlich, aber das Beste wäre, ihre Bewohner würden eines Nachts hinaus in die Wüste und über die Grenze gehen, alle, ohne Ausnahme.«
Als rotglühend die Dämmerung hereinbrach und sowohl die Zwillinge als auch die beiden Indianer und seine Tischnachbarn längst verschwunden waren, beschloss Fate, die Hand zu heben und die Rechnung zu verlangen. Ein molliges braunes Mädchen, nicht die Kellnerin, die ihn bedient hatte, brachte ihm den Kassenbon und fragte, ob alles zu seiner Zufriedenheit gewesen sei.
»Alles«, sagte Fate, während er in der Hosentasche nach ein paar Scheinen wühlte.
Dann wandte er sich wieder dem Sonnenuntergang zu. Er dachte an seine Mutter, an die Nachbarin seiner Mutter, an die Zeitung, an die Straßen von New York, mit einer nicht in Worte zu fassenden Mischung aus Trauer und Ekel. Er schlug das Buch des Exprofessors aus Sandhurst auf und las aufs Geratewohl einen Absatz. Viele Kapitäne von Sklavenschiffen sahen ihre Aufgabe als erledigt an, wenn sie ihre Sklaven nach Westindien geliefert hatten. Aber oft war es unmöglich, sich schnell genug den Erlös aus dem Verkauf der Sklaven zu sichern, um das jeweilige Schiff mit einer Ladung Zucker für die Rückfahrt zu bestücken. Kaufleute und Kapitäne hatten keinen Einfluss auf die Preise, die sie zu Hause für Waren erzielten, die sie auf eigene Rechnung annahmen. Es kam vor, dass sich Pflanzer für die Bezahlung ihrer Sklaven mehrere Jahre Zeit ließen.
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