Acacia 02 - Die fernen Lande
wir vor einiger Zeit erfahren, dass die Lothan Aklun ein Volk sind, das bestimmte Zeremonien pflegt. Einer ihrer vielen Gebräuche war ein jährliches Ritual, eine Reinigungszeremonie, an der alle Lothan teilgenommen haben. Alle, wirklich alle, ohne Ausnahme, Prinz. Ihr versteht bestimmt, warum uns das interessiert hat. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber schließlich haben wir von einem der wenigen Spione, die lebendig zu uns zurückgekehrt sind, eine Probe des zeremoniellen Abführmittels erhalten, das ein Bestandteil dieser Reinigungszeremonie war. Noch einmal, erinnert Euch daran, dass jeder Lothan Aklun dieses Abführmittel am selben Tag des Jahres und zur selben Stunde zu sich nimmt. Sie alle, aber nur sie. Dies hat meinen Großvater – er war es, der dieses Unternehmen in seinen Grundzügen entworfen hat – auf eine Idee gebracht. Was wäre, hat er gefragt, wenn wir eine Möglichkeit finden, dieses Abführmittel so zu vergiften, dass die Lothan an einem einzigen Tag vollständig ausgelöscht würden?«
Er starrte Dariel einen Augenblick lang an. » Daran, wie Eure Wangen zucken, sehe ich, dass Ihr erkennt, was für eine großartige Idee er da gehabt hat. Allerdings hat es sich als ziemlich schwierig erwiesen, sie in die Tat umzusetzen. Wir hatten einfach nicht genug Agenten vor Ort, um das Gift überall gleichmäßig zu verteilen. Und so wie es aussah, würden wir das auch niemals schaffen. Also haben wir nach einer anderen Möglichkeit gesucht, während wir natürlich die ganze Zeit über weiter Handel mit ihnen getrieben haben und dabei trefflich gediehen sind, oh ja. Einige der älteren Gildenmänner wären damit zufrieden gewesen, so weiterzumachen, aber die meisten von uns wollten mehr. Welcher Mann würde – auf einer grundsätzlichen Stufe – nicht mehr wollen? Mehr von allem! Mehr Reichtümer. Mehr Geliebte. Mehr Macht. Mehr Rache.
Mein Vater – der die Aufgabe meines Großvaters übernommen hatte – ist hartnäckig geblieben und hat mit seinen Ärzten so lange weitergearbeitet, bis sie einen Bestandteil des Abführmittels gefunden haben, den sie aus dem Gemisch extrahieren konnten. Den haben sie in ein Gift verwandelt, in ein überaus starkes Gift.« An dieser Stelle machte Sire Neen eine Pause und ließ einen wissenden Blick durch den Raum schweifen, ehe er sich schließlich wieder Dariel zuwandte. »Erkennt Ihr bereits, wo das alles hinführt? Zu Beginn dieses Jahres haben wir es – unter großen Kosten und Risiken – geschafft, das Abführmittel zu vergiften. Ein einzelner Agent hat das getan, mit einer einzigen Phiole voller Gift, das mit ihrem Abführmittel vermischt wurde. Es war schon alles hergestellt und wurde an einem einzigen Ort gelagert, versteht Ihr. Die Sicherheitsvorkehrungen waren überraschend dürftig. Eine Schwachstelle, in der Tat.«
Dariel hatte schon vor einiger Zeit aufgehört, sich zu wehren. Seine Augen, immer noch rot vor Erregung, aber insgesamt ruhiger, blieben unverwandt auf Sire Neen gerichtet. Mittlerweile eher verwirrt als wütend.
»Kann jemand dem Jungen das Kinn abwischen?«, sagte Sire Neen. »Es ist beunruhigend, einen erwachsenen Mann so sabbern zu sehen.« Einer der Ishtat versuchte tatsächlich, den Befehl auszuführen, doch Dariel riss das Kinn zur Seite. Wie entzückend, seinen Kampfgeist zu sehen, dachte Sire Neen. Ich frage mich, wie lange er das durchhalten wird. Laut sagte er: »Noval, erzähle ihm, was du gesehen hast. Erzähle ihm genau das, was du vorhin mir erzählt hast.«
Der junge Mann gehorchte freudig. Sire Neen lauschte auf jede Einzelheit, als hätte er die Ereignisse selbst gesehen und nicht nur erst vor kurzem davon gehört. Dabei stellte er sich das Panorama des Haupthafens von Melith An vor, dem Handelshafen der Lothan Aklun. Er sah, wie die Hakenzahn , der Schoner der Gilde, sich in den Hafen schob. Normalerweise florierte der Hafen, wimmelte es dort nur so von Leben, von Booten und geschäftigem Treiben. Dieses Mal jedoch herrschte Chaos. Neen sah, wie Lothan in weißen Gewändern schreiend durch den Hafen rannten, verfolgt von ihren eigenen Dienern, die versuchten, sie zurückzuhalten. Aber wieder und wieder gelang es den Lothan, sich zu befreien und sich ins Wasser zu stürzen. Manche schleppten sogar andere mit, um ihnen dasselbe Schicksal angedeihen zu lassen. Das Wasser des Hafens war verstopft – von Leichen und Sterbenden und Sklaven, die versuchten, ihre Herren zu retten oder neben ihnen zu
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