Acacia 02 - Die fernen Lande
konnte man von der Stadt aus vier Tage nach Süden reiten, bis man das bebaute Ackerland hinter sich gelassen hat. Acacias Macht stammt ebenso sehr von den Feldfrüchten von Talay wie von irgendetwas anderem. Eine Armee kann den Tod bringen, ein Bauer aber kann Leben schenken. Glücklicherweise fürchten die Menschen das eine mehr, als sie das andere anerkennen.«
»Warum hat es sich verändert?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Corinn. »Ich weiß es nicht.« Sie wiederholte die Antwort einzig und allein deshalb, weil es sich gut anfühlte, es zuzugeben. Das konnte sie nur Aaden gegenüber tun, denn er hatte ihr schon immer Fragen gestellt, die sie nicht beantworten konnte. Warum sind Eier eiförmig? Warum sind Sanddünen wie Meereswellen? Wohin verschwindet das Holz, wenn es verbrennt? Wie funktioniert die Sprache des Schöpfers? Solche Fragen stellte ihr natürlich sonst niemand, und dafür liebte sie ihn.
Sie sah ihn an. »Aber ich werde es in Ordnung bringen müssen.«
»Wie denn? Wirst du die Sprache des Schöpfers …«
»Ja. Es ist an der Zeit, dass die Welt etwas von dem sieht, was ich vollbringen kann.«
Der Junge dachte ein paar Herzschläge lang mit geschürzten Lippen und einer Miene, die ihn älter erscheinen ließ als seine acht Jahre, über diese Worte nach. Schließlich stimmte er mit seinem typischen knappen Nicken zu.
Die Kaufleute bogen von der Hauptdurchgangsstraße ab und ritten eine Rampe hinunter auf eine in südlicher Richtung verlaufende Straße, die zwar nicht ganz so hoch lag, aber immer noch hoch genug, um einen guten Ausblick zu gewähren. Sie entfernten sich immer weiter von der Stadt, teilweise auf Straßen und manchmal auch in den trockenen Bewässerungskanälen. Die langsam herabregnenden Ascheflocken verliehen diesem Ort etwas Unwirkliches, Infernalisches. Es war ein Wunder, dass hier überhaupt einmal etwas gewachsen war.
Und all das nur, weil etwas ganz Banales fehlte: Wasser. Corinn konnte es noch immer nicht so recht glauben. In Calfa Ven, wo sie so viel Zeit wie möglich verbrachte, fielen Regenschauer aus einem wolkenlosen Himmel. Die Flüsse sprudelten vor Wasser. Sorge bereiteten den Menschen Überflutungen, keine Dürre! Und das war auch gut so, denn die Fülle jenes Ortes hatte in ihr den Funken der Idee entfacht, die sie an diesem Nachmittag hierhergeführt hatte. Diese Fülle und Dariels wohltätige Werke. Und natürlich ihr Studium des Liedes. Nichts war in ihrem Leben jetzt wichtiger als das Studium der Sprache des Schöpfers.
Seit dem Augenblick, da sie Das Lied von Elenet zum ersten Mal in den Händen gehalten hatte, an jenem Tag, da Thaddeus Clegg ihr das Buch als Blutgeschenk gebracht hatte, hatte sie sich verändert. Es hatte eine Kraft in ihr geweckt, eine Schläue, die sie schon immer besessen, aber niemals genutzt hatte, eine Entschlossenheit, von der sie wusste, dass sie sie in sich trug, vor der sie jedoch ein Leben lang zurückgeschreckt war. Das Buch hatte es ihr möglich gemacht, sich mit der Gilde, den Numrek und Rialus Neptos zu verbünden – die sie alle gebraucht hatte, um Hanish Mein zu vernichten. Und das Lied hatte ihr versprochen, dass noch viel, viel mehr geschehen würde.
Nachts, nachdem die Bediensteten entlassen und die Türen verrammelt waren, hatte sie das Buch aufgeschlagen und sich wieder und wieder in jene ergreifenden, matten Worte versenkt, die keine Worte waren. Es war jedes Mal ein Wunder. Die ersten paar Jahre hatte es ausgereicht, einfach nur zu sehen, wie die Worte lebendig wurden, und sie in ihrem Kopf zu hören. Als sie ihr die Erlaubnis gaben, den Mund zu öffnen und sie herauszulassen, hatte sie eine neue Freude kennengelernt, die ganz anders war als alles, was sie bisher erlebt hatte – eine Freude, die so umfassend war wie die in jenem Augenblick, als Aaden aus ihrem Leib geglitten und ihr auf die Brust gelegt worden war.
In gewisser Hinsicht war Aaden ein Teil des Liedes. Nur er war jemals dabei gewesen, wenn sie gesungen hatte. Sie hatte kleine Dinge für ihn herbeigerufen: anfangs Glasperlen und glatte Steine, Kürbisse, die rasselten, einfaches Spielzeug, und dann Insekten, Schmetterlinge, Vögel mit rotem Brustgefieder und winzige Ringelnattern. Die Dinge, die sie zum Leben erweckt hatte, waren nichts weiter als Plunder, das wusste sie, aber sie ins Dasein zu singen erschöpfte sie. Und manchmal machte es ihr auch Angst. Das Wesen, das sie zuletzt geschaffen hatte, war auf merkwürdige, gutartige Weise
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