Adieu, Sir Merivel
wir werden nicht sehr weit gehen.«
»Gott schütze mich!«, sagte der Stallknecht. »Ihr geht mit einem wilden Tier spazieren ?«
»Ja. Wenn es mich begleiten will. Tiere, die sich nicht bewegen, sterben sehr schnell.«
»Und was ist, wenn der Bär sich losreißt? Was, wenn er über meine Pferde oder die Kühe herfällt?«
»Das wird er nicht. Er ist jeden Tag gefüttert worden – zumindest habe ich das befohlen. Tiere wie dieses greifen nur an, wenn sie hungrig sind.«
»Woher wisst Ihr das, Sir Robert?«
»Durch logisches Denken. Würdest du einem Lamm die Kehle durchschneiden, um es zu essen, wenn du gar keinen Hunger hättest?«
»Ja, natürlich, Sir. Ich würde es für später aufsparen.«
Da mein »logisches Denken« durch diesen fetten Stallknecht so leicht zunichtegemacht worden war, hielt ich es für das Beste, die Angelegenheit nicht weiter zu diskutieren. Unterdessen verdunkelte sich der Himmel immer mehr,und die Vorstellung, sehr lange mit dem Bären durch einen Schneesturm zu laufen, gefiel mir gar nicht. Das Tier versuchte ständig, das Halsband abzuschütteln, doch die Kette war stark und mein Griff fest, und jetzt gab ich den Befehl zum Öffnen des Käfigs.
Das Tor war durch zwei eiserne Riegel gesichert, doch diese waren in der Kälte fast ganz in ihrer Führung festgefroren, und ich fürchtete, der Knecht würde nicht die Geduld aufbringen, die Riegel zu lockern, sondern vorher fortlaufen. Während er sich noch abmühte, betrachtete der Bär ihn hungrig.
Um den Bären von der Ideen abzubringen, dem Stallknecht die Hand abzubeißen, streichelte ich eines seiner Ohren, und mit dem Ausdruck bitteren Vorwurfs wandte er mir seinen Kopf zu.
»Ich weiß«, sagte ich, »ich versprach dir ein schönes Gehege. Ich versprach dir Äste zum Klettern und einen Platz zum Laufen oder Rennen. Aber noch können wir diese Dinge nicht bauen. Alles auf Bidnold liegt in den Fesseln des Winters.«
Als die Riegel endlich nachgaben und der Stallknecht das Tor aufzog, blickte der Bär in die weiße Landschaft, die vor ihm lag, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. Der Knecht klammerte sich ängstlich an das offene Tor und benutzte es als Schild. Ich hielt mit der einen Hand die Kette fest und mit der anderen einen kräftigen Stock, der mir, wie ich wohl wusste, kaum von Nutzen sein würde, sollte der Bär sich doch zu einem Angriff entschließen, dennoch war er eine, wenn auch ungeeignete Waffe und half mir, in meinem Entschluss nicht wankend zu werden.
Darum ging ich nun los und versuchte, den Bären hinter mir herzuziehen, und langsam und humpelnd folgte er mir. Dem Knecht rief ich zu, er solle den Käfig reinigen und schrubben, sauberes Stroh auslegen und frisches Wasser hinstellen.
Ich führte meinen armen Gefangenen auf einem freigeschaufelten Weg in den Park. Einige Tauben, die sich auf den obersten Ästen einer erfrorenen Eiche versammelt hatten, brachen umgehend in einen gereizten Lärm aus, doch der Bär schenkte ihnen keine Beachtung, und wir wanderten weiter.
Ich blickte mich immer wieder nach dem Tier um, hauptsächlich, um mich zu vergewissern, dass es nicht Anstalten machte, mich zu zerfleischen. Ich musste an jenen Herbsttag mit Louise im Jardin du Roi denken, als die Soldaten erschienen waren, um den Bären zu erschießen. Und dann fiel mir der Preis ein, den ich für sein Leben bezahlt hatte, ein außerordentlich hoher Preis, denn der Saphir des Königs war mir sehr kostbar gewesen – und ich dachte bei mir, wie schwer es doch häufig ist, den Wert eines Dings gegen den eines anderen aufzuwiegen, und dass die Kompliziertheit dieser Arithmetik Menschen in den Ruin führen kann.
Doch lange grübelte ich nicht darüber nach. Das mühselige Schneeschaufeln hatte mich gewärmt, und auch wenn der Himmel immer noch dunkel war, schien es mir mit einem Mal, als habe die Kälte nachgelassen. Und das machte mich froh, mir wurde so leicht ums Herz wie schon lange nicht mehr.
Wir liefen eine gute Strecke durch den Park bis zum Ende des freigeschaufelten Pfads, wo wir vor gewaltigen Schneebergen standen, die uns den Weg versperrten. Als ich stehen blieb, setzte sich der Bär und blickte mich an. Sein Blick war so sanft und sorgenvoll, dass alle mir noch verbliebene Furcht vor dem Tier verschwand.
Ich lehnte mich gegen die Schneewand, streckte die Hand aus und streichelte den Kopf des Bären. Und mir kam der Gedanke, dass dieses in den Wäldern Germaniens gefangene wilde Tier vielleicht schon von
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