Adieu, Sir Merivel
Menschen gezähmt worden war, bevor man es nach Paris gebracht hatte.
Und meine nächste, schändliche Idee war, dass ich – um mit meinem Mut und Geschick zu protzen – doch vor meinen zukünftigen Gästen auf Bidnold behaupten könnte, allein Merivel (der sich vor langer Zeit großes Ansehen damit erworben hatte, dass er das Leben eines Tiers aus der königlichen Spaniel-Meute rettete) sei es gewesen, der den Bären zahm und gehorsam machte, denn er besitze ein einzigartiges Verständnis von den Tieren und der Beschaffenheit ihrer Seelen und sei in der Lage, direkt mit ihnen zu sprechen.
Darüber musste ich lächeln. Und im nächsten Moment geschah etwas Ungewöhnliches: Plötzlich fegte eine heftige Windböe über die Stelle hinweg, wo ich mich mit dem Bären befand, und dann begann es zu regnen.
Die ganze Nacht lang lauschte ich dem Geräusch eines gewaltigen Strömens, als Schnee und Eis erneut zu Wasser wurden, welches sich in allen Gräben und Senken sammelte und in einer drängenden Sturzflut den Weg hinabfloss.
Und im Geiste sah ich meinen Brief an den König auf dieser Sturzflut reiten wie ein Papierschiffchen und binnen Kurzem im Badezuber Seiner Majestät landen und hörte seine Majestät rufen: »Oh, eine Botschaft in Form eines Schiffes! Wie ungewöhnlich brillant!«
Und mit seinen langen Fingern würde er den Brief aus dem Wasser fischen und meine Worte lesen, und dann würde er, immer noch im Zuber, all seine großartigen Wundärzte von Whitehall zu sich rufen und sagen: »Schreibt mir jede bekannte Arznei gegen die Typhuskrankheit auf. Schreibt sie jetzt auf, sofort, oder ihr verliert eure Stellung bei Hofe!«
Und eifrig würden sie ihre Rezepte hinkritzeln, und auch wenn die Schrift ein wenig verwischt sein mochte vom Dampf des heißen Wassers, das dem König über den Rücken gegossen wurde, so würden sie doch in kürzester Zeit hier auf Bidnold ankommen.
Dann würde ich auf Nebenwegen, die nicht länger vom Schnee verschüttet wären, zu meinem Apotheker reiten. Und danach würde es nicht mehr lange dauern, und Margaret wäre geheilt.
Was nach der Schneeschmelze folgte, waren zwei Wochen milden Wetters von solcher Süße, dass ich glaubte, ich könnte in der weichen Luft schon den Frühling riechen. Die Errichtung des Geheges für den Bären hatte begonnen. Mein Brief an den König war nach London geschickt worden.
Ich dachte, nun würde sich alles zum Besseren wenden. Doch dem war nicht so.
Eines späten Februarmorgens spazierte ich durch meine Hagebuchenallee und hielt Ausschau nach frischem Grün, als Will Gates, immer noch in sein Fell gekleidet und darin einigermaßen schwitzend, herbeigeeilt kam – wenn man das in Anbetracht seines alten gekrümmten Körpers so nennen kann – und mich ins Haus zurückrief.
»Was ist denn, Will?«, fragte ich. »Warum diese olympische Hast?«
»Tabitha verlangt nach Euch«, keuchte Will. »Miss Margarets Geist hat sich verwirrt, und sie weiß nicht, wo sie ist …«
Ich griff nach dem grauen Stamm einer Hagebuche und hielt mich daran fest, um nicht zu stürzen. Will fasste meinen Arm, um mich zu stützen.
»Sir Robert«, sagte er, »es ist gewiss nur eine vorübergehende Verwirrung …«
»Nein, Will«, sagte ich. »Ich habe die medizinischen Aufsätze studiert. Es ist der Anfang des Endes.«
Will schüttelte heftig den Kopf, immer hin und her. »Das kann nicht sein!«, rief er aus. »Ich trage doch immer noch mein Dachsfell!«
Ich sitze an Margarets Bett. Ich halte ihre Hand. Ich spreche ihren Namen laut aus.
Sie sagt zu mir: »Ich habe Angst vor der Höhle.«
»Welcher Höhle?«, frage ich.
»Ich ging hinein«, sagt sie, »und ein Vogeljunges war darin eingeschlossen, und ich nahm es in meine Hände, um es hinauszutragen …«
»Und dann?«
»Das habe ich vergessen. Es war nichts in meiner Hand. Nur ekelhafter Schleim.«
Ich streichele ihre Stirn, die nicht mehr glühend heiß ist wie zuletzt immer, sondern kalt wie Ton. Ich frage sie, wo diese Höhle wohl sein möchte, und sie antwortet: »Cornwall.« Und das schenkt mir ein wenig Hoffnung, weil sie sich an den Namen von Cornwall erinnert, wo sie mit ihren Freundinnen hätte sein sollen, und nicht Mesopotamien oder Ipswich oder Lyme Regis sagt.
Auch wenn mir solch ein Eingriff zuwider ist, schicke ich Tabitha nach meinen medizinischen Instrumenten, öffne eine Ader in Margarets Arm und entnehme ihr Blut. Ihr beklagenswerter Arm ist, wie ich erschrocken feststelle, beinahe zu
Weitere Kostenlose Bücher