Akte X
Europäer in Ballungszentren dahinraffte, brauchte selbst in seiner gefährlichsten Form, der Lungenpest, Tage oder sogar eine Woche, um seine Opfer zu töten. Dieser Mann scheint fast augenblicklich gestorben zu sein. Abgesehen
von einer akuten Nervengiftintoxikation kenne ich keine Krankheit mit einer derart extremen Letalität.«
Scully berührte die Haut an Ruckmans Armen; sie hing schlaff und faltig von seinen Knochen und fühlte sich wie Gummi an. »Die Epidermis hat wesentlich an Festigkeit eingebüßt, als wäre das Bindegewebe zu den Muskeln auf irgendeine Weise zerstört worden.
Was die Muskelfasern selbst betrifft ...« Sie drückte ihre Finger in das Fleisch und spürte, daß es wie Brei nachgab. »Die Muskelfasern scheinen sich aufgelöst zu haben... und wirken fast mehlig.«
Ein Teil der Haut platzte auf, und Scully zog überrascht die Hand zurück. Eine klare, weißliche Flüssigkeit quoll heraus, und Scully berührte sie vorsichtig mit dem Handschuh. Die Substanz war klebrig, dick und sirupähnlich.
»Ich habe etwas Ungewöhnliches entdeckt ... eine schleimartige Flüssigkeit, die aus der Haut dieses Mannes dringt. Sie scheint sich innerhalb des subkutanen Gewebes gesammelt zu haben. Durch meinen Eingriff wurde sie freigesetzt.«
Sie legte ihre Fingerspitzen aneinander, und der Schleim, der an ihnen klebte, tropfte auf den Leichnam. »Ich begreife das alles nicht«, gestand sie dem Tonbandgerät. Wahrscheinlich würde sie diesen Satz aus ihrem Bericht streichen.
»Ich fahre mit der Untersuchung der Brusthöhle fort«, erklärte sie und zog das Tablett mit den Sägen, Skalpellen, Klammern und Zangen aus rostfreiem Stahl zu sich heran.
Sie setzte das Skalpell mit äußerster Vorsicht an, um nicht das Material ihrer Handschuhe zu beschädigen, schnitt tief in den Brustkorb des Mannes und öffnete die Brust mit einem Rippenhalter. Es war harte Arbeit; Schweiß tropfte von ihrer Stirn und in ihre Augenbrauen.
Sie blickte prüfend in die geöffnete Brust des Nacht
wächters, griff in die feuchte Wölbung und tastete sie mit ihren handschuhgeschützten Fingern ab. Scully machte sich an die Arbeit, entfernte die Lunge, die Leber, das Herz und die Gedärme, wog sie sorgfältig und inventarisierte sie für den Bericht.
»Aufgrund der Tumorhäufigkeit- oder besser gesagt, der Turmordurchseuchung - lassen sich die einzelnen Organe nur schwer identifizieren.«
Um die Organe breiteten sich Vernon Ruckmans Wucherungen, Geschwülste und Tumore wie ein Nest viperngleicher, fetter, heimtückischer Würmer aus. Während Scully sie studierte, gerieten sie in Bewegung und krümmten und wanden sie sich wie glitschige Schlangen.
Aber bei einer derart zerfressenen, derart übel zugerichteten Leiche mußte man durchaus damit rechnen, daß die Autopsie zu heftigen Reaktionen führte, ganz zu schweigen von der Tatsache, daß allein der Temperaturunterschied zwischen der Kühleinheit der Leichenhalle und dem geheizten Autopsieraum Kontraktionen auslösen konnte.
Zwischen den freigelegten Organen entdeckte Scully weitere große Schleimansammlungen. Unter der Lunge stieß sie auf einen große Klumpen der schleimigen, zähflüssigen Substanz - wie eine biologische Insel oder ein Lager.
Sie entnahm eine Probe der ungewöhnlichen Flüssigkeit und füllte sie in einen Isolierbehälter für gefährliches biologisches Material. Sie würde diese Probe selbst analysieren und eine weitere zum Seuchenkontrollzentrum schicken. Vielleicht hatten die Pathologiespezialisten vom CDC so etwas schon einmal gesehen. Doch darum würde sie sich später kümmern.
»Meine primäre Schlußfolgerung, bei der es sich allerdings um reine Spekulation handelt«, fuhr Scully fort, »ist die, daß Dr. Kennessy bei seinen biologischen Forschungen in den DyMar-Laboratorien irgendeinen Krankheitserreger erzeugt hat. Wir haben uns bisher noch keinen umfassenden Überblick über seine Experimente und Techniken verschaffen können, so daß ich nicht in der Lage bin, detailliertere Vermutungen anzustellen.«
Unbehaglich betrachtete sie Ruckmans offenen Leichnam. Das Tonbandgerät wartete, daß sie weitersprach. Wenn die Situation so schlimm war, wie Scully fürchtete, dann konnten sie oder Mulder den Fall sicherlich nicht allein lösen, sondern sie brauchten Hilfe von außen.
»Die Geschwülste und Gewebeveränderungen in Ver-non Ruckmans Leichnam sehen aus, als hätten plötzliche Zellwucherungen seinen Körper mit verblüffender Schnelligkeit
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