Am Ende des Schweigens - Link, C: Am Ende des Schweigens
Ausdruck einer Kapitulation. »Ich werde es tun«, sagte sie. »Ich weiß, daß es falsch ist, aber ich werde es tun.«
Sie nahm mit einer ruckartigen Geste die Sonnenbrille ab, und er sah ihre verquollenen, verzweifelten Augen.
»Verdammte Scheiße«, sagte sie in einer für sie völlig untypischen rabiaten Art, »am Schluß werde ich wieder die sein, die leidet! «
5
Geraldine war tatsächlich gezwungen, in Phillips Zimmer überzusiedeln, denn ihr eigenes Zimmer war am späten Nachmittag bereits wieder vergeben worden, und auch sonst war keines mehr frei in der kleinen Pension. Die verfügbaren Räume waren von der Polizei angemietet worden für die Unterbringung der Überlebenden des Verbrechens, das am Mittag in Stanbury House stattgefunden hatte: für Jessica, Leon und Evelin.
Jessica hatte Geraldines früheres Zimmer zugewiesen bekommen. Gegen sechs Uhr am Abend stand sie dort, räumte die Sachen, die sie hastig zusammengepackt hatte, in den Schrank: ein wenig Wäsche, Strümpfe, ein paar T-Shirts, Hosen und Pullover. Den Rest würde sie aus Stanbury House holen, bevor sie abreiste. Nur noch ein paar Tage. Sie konnte es kaum abwarten, wieder in Deutschland zu sein.
Für Barney hatte sie eine Decke mitgenommen und in eine Ecke gelegt. Der kleine Hund hatte sich völlig erschöpft darauf zusammengerollt und schlief nun tief. Die Bedrohung, die vielen Menschen, die Anspannung des ganzen Tages hatten ihn ausgelaugt und waren zuviel für ihn gewesen. Er spürte, daß seine Welt völlig aus dem Gleichgewicht geraten war. Er schien förmlich in den Schlaf zu flüchten.
Jessica wünschte, sie könnte es ihm nachtun.
Sie war todmüde, und zugleich vibrierten ihre Nerven und würden sie keine Sekunde lang zur Ruhe kommen lassen. Ihr Mund fühlte sich trocken an, weil sie den ganzen Nachmittag über geredet hatte, zuerst mit Superintendent Norman, später mit einer Beamtin, dann noch mit einer Psychologin. Allen hatte sie immer wieder das gleiche erzählt, war sich vorgekommen wie eine Platte, die ständig neu abgespielt wird und irgendwann zu leiern beginnt. Die Psychologin wollte vor allem über das Verhältnis der drei Paare und der Kinder zueinander Bescheid wissen, aber mit jeder ihrer bohrenden Fragen war Jessicas Kopfschmerz schlimmer geworden. Sie hatte schließlich um ein Aspirin gebeten, aber das hatte es nicht besser gemacht, und irgendwann hatte sie gesagt, sie könne nicht weiter.
»Es tut mir leid. Ich habe rasendes Kopfweh, und ich fange an, alles doppelt zu sehen. Ich habe Probleme, Ihre Fragen zu verstehen. Es funktioniert einfach nicht mehr.«
Die Psychologin war voller Verständnis gewesen. »Natürlich. Das ist doch kein Wunder. Sie haben heute Schreckliches mitgemacht, und wahrscheinlich haben Sie noch gar nicht richtig begriffen, was geschehen ist. Ich denke, Sie müssen jetzt einfach mal allein sein.«
»Danke«, sagte Jessica, lehnte aber die Beruhigungstabletten ab, die die andere ihr anbot. Sie war überzeugt, daß sie ihr nichts nützen, am Ende aber noch ihr ungeborenes Kind gefährden würden.
Sie hätte gern mit Evelin oder Leon gesprochen, bekam aber
beide nicht zu Gesicht. Evelin hatte man in ein Krankenhaus gebracht, wo sie die kommende Nacht verbringen würde; es ging ihr besser, aber sie sollte unter medizinischer Aufsicht bleiben. Leon befand sich noch im Gespräch mit Superintendent Norman. Danach, so sagte die Psychologin, werde man ihn ebenfalls ins Krankenhaus bringen, damit er seine Tochter Sophie sehen konnte. Er würde aber in derselben Pension übernachten wie Jessica.
Sie fragte sich, wie es ihm ging. Man hatte sie aus dem Zimmer geführt, ehe man ihm mitteilte, was geschehen war. Sie sah noch sein fassungsloses Gesicht, hörte seine Stimme.
»He, Jessica, bleib hier! Was ist denn nur los? Kann mir mal jemand sagen, was hier los ist ?«
Zwei Beamte fuhren sie und Barney ins Dorf. Es mußte sich herumgesprochen haben, daß man sie ins The Fox and the Lamb brachte - wahrscheinlich hatten die Besitzer geplaudert -, denn es hatte sich eine ansehnliche Menschenmenge vor der Pension versammelt. Man wich zurück, als sich das Polizeiauto näherte, und es herrschte vollkommene Stille, als sie ausstieg. Dann blitzten Fotoapparate, und der eine Beamte stellte sich sofort schützend vor sie, während der andere die Fotografen abdrängte.
»Verdammt«, murmelte der Polizist, »die Presse ist besonders schnell diesmal!«
Sie hatte aufgeatmet, als sie endlich in der
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