Am Ende des Schweigens - Link, C: Am Ende des Schweigens
erkundigen, wird man sagen, daß du allein warst. Auch die dicke Frau in Stanbury House - falls sie noch lebt - hat dich nur allein gesehen.«
»Ich habe mir folgendes überlegt«, sagte Phillip, »und ich bete, daß es hinhaut: Ich kam vom Brunch zurück und habe dich hier im Hotel abgeholt. Etwa um Viertel nach zwölf. Du hast hoffentlich
zu dieser Zeit nicht gut sichtbar im Gastraum gesessen und zu Mittag gegessen?«
Sie lächelte ein wenig. »Du weißt, ich esse praktisch nie. Ich war die ganze Zeit in meinem Zimmer.«
»Okay. Sehr gut. Ich habe dich also abgeholt. Wir … wir planten eine letzte Aussprache. Wegen unserer Trennungssituation …« Er sah sie abwartend an, offenbar nicht sicher, wie sie auf den Vorschlag, diese für sie tragische Entwicklung ihrer Beziehung zur Konstruktion eines Alibis zu benutzen, reagieren würde. Sie erwiderte nichts, und was in ihren Augen stand, konnte er durch die Sonnenbrille nicht sehen.
»Ich wollte dann jedoch noch einmal nach Stanbury House«, fuhr er schließlich fort, »so wie jeden Tag. Du warst gereizt - du findest ja, ich sollte diese ganze Geschichte endlich vergessen und aufgeben. Ich parkte ein ganzes Stück vom Tor entfernt, neben ein paar Resten der einstigen Mauer. Dort werden sie auch Reifenspuren finden. Du bliebst im Auto sitzen, du wolltest einfach nichts mit all dem zu tun haben. Ich begab mich in den Park, traf die Dicke. Kehrte dann zu dir zurück, nach ungefähr einer halben Stunde. Wir fuhren ein bißchen kreuz und quer, hielten dann irgendwo zwischen Wiesen und Schafherden. Und redeten. Über uns, unsere Beziehung, über all das, was schiefgelaufen ist.«
»An welcher Stelle genau war das?« fragte Geraldine.
Er überlegte. »Ich denke, es ist gar nicht so wichtig, das genau zu wissen. Würde man in einer solchen Situation wirklich darauf achten, an welchem Wiesenrand man anhält? Ich werde sagen, daß ich in Richtung Leeds gefahren bin, weil das ja der Wahrheit entspricht. Irgendwo auf halbem Weg bog ich in irgendeinen Feldweg ein. Etwa auf der Höhe von Sandy Lane. Na ja, und dort redeten wir dann über alles.«
»Und dann fuhren wir hierher zurück?«
»Und kamen gegen Viertel vor drei an. Von da an stand ja auch das Auto wieder hier, also müssen wir uns an den tatsächlichen zeitlichen Ablauf halten.«
»Wenn dich jemand gesehen hat, wie du ausgestiegen bist, könnte derjenige aber aussagen, daß ich nicht ausgestiegen bin.«
»Dann bist du zwei, drei Minuten später ausgestiegen. Wir waren ziemlich zerstritten. Du hattest geweint, wolltest nicht gesehen werden …« Er hielt wieder inne.
Wie trefflich das alles paßt, dachte Geraldine. Voller Trauer und voller widerwilliger Bewunderung für seine Kaltblütigkeit.
»Die Sache ist jetzt die«, sagte Phillip, »ich habe dich ja unten im Empfangsraum getroffen. Woher kamst du da gerade? Hatte dich jemand gesehen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Ich wollte eigentlich nur an der Rezeption Bescheid sagen, daß ich abreisen würde. Ich habe ein paarmal geklingelt, aber niemand ist erschienen. Als du zur Tür hereinkamst, wollte ich gerade wieder in mein Zimmer gehen und packen und es später noch einmal unten versuchen.«
»Gut. Wir sind dann beide in dein Zimmer gegangen, haben noch eine Weile geredet …«
Als ob du je bereit gewesen wärst, soviel mit mir zu reden!
»Wo warst du tatsächlich?« fragte sie.
»In meinem Zimmer. Ich habe versucht, ein bißchen zu schlafen, aber das funktionierte nicht. Vor einer Stunde etwa bin ich ein wenig im Dorf umhergeschlendert, dabei hörte ich von dem Verbrechen. Ich bin dann gleich hierher zurückgekommen und habe auf dich gewartet. Das Auto stand ja noch da. Ich wußte, du bist noch nicht abgereist.«
»Ich war den Nachmittag über auch nur in meinem Zimmer«, sagte Geraldine. »Einmal war ich noch kurz unten und habe ausgecheckt. Später bin ich losgegangen und habe das Wasser gekauft, und … na ja, den Rest weißt du ja.«
»Ja«, sagte er, »den Rest weiß ich.«
Sie standen einander gegenüber. Schweigend.
»Hilfst du mir?« fragte er schließlich.
»Ich wollte jetzt eigentlich nach London fahren.«
»Bitte!«
»Ich habe kein Zimmer mehr.«
»Zieh wieder bei mir ein. Begründe deinen geänderten Entschluß mit einem letzten Versöhnungsversuch. Aber laß mich jetzt nicht allein.«
»Weißt du eigentlich, was du da von mir verlangst?«
»Ja.«
Sie stellte endlich ihre Wasserflaschen ab. Die Bewegung hatte den
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