Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
Art Tagebuch. Auf der ersten Seite steht: »Dies ist Seite 52 des Berichts mit dem Arbeitstitel – In Quest of America .«
Es ist immer interessant, ein Manuskript mit der veröffentlichten Fassung eines Textes zu vergleichen. Man erfährt etwas mehr über den Schreibprozess, über die Probleme, mit denen der Autor zu kämpfen hatte; man sieht, welche Veränderungen er vorgenommen hat – häufig von Lektoren, Agenten und anderen Mitlesern dazu gedrängt – und wie aus Erlebnissen und Ideen allmählich ein Buch entstanden ist.
Das Manuskript von Die Reise mit Charley besteht aus mehreren kleinen Stapeln von Einzelblättern, teilweise mit Heftklammern versehen, und einem in Leder gebundenen Heft. Darin steht auf den rechten Seiten ein Teil des Buchtextes – Seite 45 bis 104 der amerikanischen Ausgabe von 1962 –, links hin und wieder Tagebuchnotizen, vom 3. Februar bis 3. März 1961. Außerdem gibt es eine Schreibmaschinenfassung, die mit Bleistift bearbeitet wurde, aber es ist nicht klar, ob die Korrekturen von Steinbeck selbst stammen. Die Anzahl der Eingriffe nimmt weiter hinten zu, manchmal sind ganze Passagen gestrichen worden. Hier und dort finden sich auch Satzanweisungen, mit rotem Kugelschreiber notiert.
Im ersten Abschnitt des Berichts, über Sag Harbor bis Seattle, sind nur geringfügige Unterschiede zwischen dem Manuskript und der veröffentlichten Fassung zu finden. Der Steinbeck der Manuskriptversion gibt sich etwas weniger hart und männlich – er verschweigt nicht, dass er sich immerhin fünf Pausen gegönnt hat, außer in Chicago auch in Seattle, San Francisco, Amarillo und Austin.
Und die Politik spielt eine größere Rolle; Steinbeck schreibt viel über die Wahlkampagnen Kennedys und Nixons, er verfolgt die Debatten, und er macht keinen Hehl daraus, dass Elaine und er auf Seiten der Demokraten stehen.
Sowohl die Schilderungen der Erholungspausen als auch die explizit politischen Passagen wurden später zum größten Teil gestrichen, und es ist klar, weshalb: Steinbeck sollte der einsame Held bleiben, außerdem wollte man das breite Publikum nicht durch allzu viel politische Betrachtungen abschrecken, die ohnehin bald an Aktualität verlieren mussten.
Doch nach Seattle ist plötzlich alles anders. Im Manuskript ändern sich Ton und Inhalt auffallend, ein stilistischer Bruch, der den Bericht als Ganzes aus dem Gleichgewicht bringt. Durch eine Vielzahl von Streichungen und Korrekturen wurden die störenden Elemente zwar wieder beseitigt, aber sie spiegeln doch Steinbecks zunehmende Ratlosigkeit.
Ich habe vorhin nicht zufällig »Elaine und er« geschrieben, denn der wichtigste neue Faktor in der Manuskriptversion ist das Zusammensein Steinbecks mit seiner Frau. Während unser Held in der Endfassung von Die Reise mit Charley einen Spaziergang durch den historischen Teil von Seattle macht, wo »der alte Hafen mit schmalen Gassen, Kopfsteinpflaster und rauchgeschwärzten Häusern« einer einsamen Zukunft entgegensieht, tut er im Manuskript etwas ganz anderes.
Er fährt zum Flughafen und nimmt sich ein Zimmer in einem der modernen Hotelpaläste aus Stahl und Glas, um dort auf Elaine zu warten.
»Es war ein Triumph der Moderne«, schreibt er im Manuskript. »In meinem Zimmer, das an einer Seite ganz aus Glas bestand, war alles eingebaut. Mein großes Bett verschwand tagsüber in der Wand wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus zurückzieht. Der Nachttisch war eine einzige Ansammlung von Knöpfen und Lämpchen zur Bedienung des Radios, des Fernsehers, des Telefons und noch zahlreicher anderer Annehmlichkeiten, die ich gar nicht entdeckt habe.«
Er stellt sich vor, wie er Elaine – nach ihrer schnellen, bequemen Anreise im ultramodernen Jet – mit einem wunderbaren Abendessen im Hotelrestaurant verwöhnen wird und sie anschließend zusammen die Stadt erkunden. Doch es kommt anders: Elaine erreicht Seattle erst drei Tage später und ohne Gepäck, nach einer anstrengenden Reise über San Francisco.
Anschließend sind die beiden etwa drei Wochen lang gemeinsam unterwegs: Zuerst fahren sie eine Woche auf dem Pacific Coast Highway nach Süden, ein paar Tage ruhen sie sich in einem fast leeren Hotel in den nordkalifornischen Küstensequoienwäldern aus, dann geht es weiter nach San Francisco, wo sie in einer Luxushotelsuite wohnen und tagelang ausgelassen mit ihren Freunden feiern. Keine Übernachtungen in Rosinante mehr.
All das steht in scharfem Kontrast zum Vorangegangenen; der lonesome rider
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