Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
die weite Einöde streifen, wird übrig bleiben, um an den Gräbern eines Volkes zu weinen, das einst so mächtig und hoffnungsvoll war wie das eure.
Aber warum sollten wir klagen? Warum sollte ich über das Schicksal meines Volkes murren? […] Menschen kommen und gehen wie die Wellen des Meeres. Eine Träne, eine Totenklage, und sie sind für immer unserem sehnsüchtigen Blick entschwunden.
Auch der Weiße Mann, dessen Gott mit ihm gegangen ist und zu ihm gesprochen hat wie ein Freund zum anderen, ist nicht ausgenommen von dieser allgemeinen Bestimmung. Vielleicht sind wir letztlich doch alle Brüder und Schwestern. Wir werden sehen.«
Wir fahren auf dem Interstate Highway 5, zwischen den Bergen und der Küste, nach Süden in Richtung Portland, Oregon. So viel Zeit wie in Montana und im westlichen Washington lassen wir uns nicht mehr. Steinbeck hat inzwischen fast eine Woche Vorsprung auf uns, deshalb drücken jetzt wir aufs Tempo, während er mit Elaine auf der U.S. Route 101 nach Süden tourt. Wolken hängen schwer und grau vor der Cascade Range, der Gebirgskette, die sich vom südlichen British Columbia bis nach Nordkalifornien erstreckt. Sturmböen schütteln unseren Jeep, und alle paar Augenblicke trommeln heftige Schauer aufs Dach. Wir fahren und fahren durch einen dichten Nebel aus Spritzern, die Rücklichter des Wagens vor uns sind der einzige Orientierungspunkt. Gegen vier wird es schon dunkel. Wir übernachten in einer Art Schlaffabrik auf einem Industriegelände. Oder besser gesagt, einem Konsumgelände, denn auch die gibt es hier, und sie sind standardisiert, mit Schnellrestaurants wie Subway, Kentucky Fried Chicken und Dairy Queen und unserem Super-8-Hotel.
Am nächsten Vormittag erreichen wir Oregon. Das gleiche Lied wie gestern: Regengetrommel auf dem Dach, neben uns Trucks in ihrem selbst erzeugten Sprühnebel, vor uns Rücklichter, auf die wir angestrengt starren. Im Radio versucht Rush Limbaugh uns wach zu halten. Unsere Feinde haben einen großen Plan, erklärt er, und dieser Plan liegt all ihrem Handeln zugrunde. Denn worauf ist Obama mit seiner Gesundheitsreform aus: Sozialismus und Euthanasie. Darum geht es ihm. Das ist sein Plan. Werbung und ein anderer Sprecher. Die Themen sind jetzt changing your life today und total makeover . Alles ist planbar und machbar. Unser Leben braucht ein klares Ziel, und unser Leben ist kurz. Deshalb haben wir es so eilig.
Kurz hinter Eugene biegen wir auf die Oregon Route 38 ein, Richtung Ozean. Regen und Lärm hören gleichzeitig auf. Wir rollen zwischen grünen Hügeln hindurch, an einem breiten Fluss entlang. In den dunklen Wäldern, überwiegend Kiefern und Lärchen, leuchtet hier und dort das Herbstgelb und -orange von Laubbäumen. Auf dieses Oregon waren wir nicht gefasst. Wir halten an, nur weil es hier so schön ist.
Es ist ein frischer Herbsttag, die Bäume rauschen, das Gras duftet, die Sonne bricht durch die abziehenden Wolken, auf einmal macht das Reisen wieder großes Vergnügen. Noch ein letzter Schauer. Auf den Viehweiden am Fluss stehen braune Kühe mit dem Hintern zum Wind und warten auf das Ende des Regens. In einiger Entfernung ist ein Rudel Wapitis unterwegs. Über den Hügeln hängen Nebel- und Wolkenfetzen, hin und wieder lässt ein greller Sonnenstrahl alles erglühen. Dann fahren wir durch einen endlosen Kiefernwald. Und endlich, bei Winchester Bay, sehen wir wieder den Ozean.
In Port Orford übernachten wir. Von einem Hafen im üblichen Sinn kann man hier nicht sprechen; Port Orford besitzt eines der wenigen sogenannten High Docks , eine große Betonplattform, die auf Pfeilern im Ozean ruht und auf der Dutzende von Fischereifahrzeugen und Sportbooten auf Anhängern abgestellt sind. Will jemand ausfahren, dann wird sein Boot mit einem großen Kran zu Wasser gelassen und bei der Rückkehr gleich wieder auf die Plattform gehievt. »Die Dünung ist so stark, wenn man ein Boot für eine Nacht da unten festmachen würde, wäre es am nächsten Morgen verschwunden«, erklärt der Besitzer des Hafenrestaurants Griff’s on the Dock.
Die meisten Jahre seines Lebens hat er auf einem Schlepper gearbeitet, dann konnte er das Restaurant übernehmen, kaum mehr als eine gemütliche Holzhütte auf dem High Dock . Er ist zufrieden. »In Port Orford hat man wenigstens noch Wetter. Mindestens zweimal im Jahr tobt hier ein Orkan, dann kommen die Gäste mit dem fliegenden Gischt durch die Hintertür, aber das macht ihnen Spaß. In Kalifornien ist es
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