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Anna Karenina

Anna Karenina

Titel: Anna Karenina Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lew Tolstoi
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daß ich ihr dadurch einen Schreck einjagen soll?
    Siehst du wohl, in diesem Frühjahr ist Natalja Golizüna gestorben, weil sie einen schlechten Geburtshelfer dabei
    hatten.«
    »Wie Sie es anordnen, werde ich es ausführen«, antwortete er mit finsterer Miene.
    Die Fürstin begann, ihm die Sache ausführlich auseinanderzusetzen; aber er hörte ihr nicht zu. Obgleich ihn das
    Gespräch verstimmte, so rührte doch seine finstere Miene nicht daher, sondern von dem, was er bei dem Samowar
    sah.
    ›Nein, es ist unmöglich‹, dachte er, indem er ab und zu nach Wasenka hinblickte, der sich zu Kitty beugte und
    mit seinem hübschen Lächeln etwas zu ihr sagte, und auch nach Kitty, die errötet war und erregt aussah.
    Es lag etwas Unreines in Wasenkas Körperhaltung, in seinem Blick und in seinem Lächeln. Ljewin fand sogar auch
    in Kittys Haltung und Blick etwas Unreines. Und wieder wurde die ganze Welt vor seinen Augen dunkel; wieder fühlte
    er sich wie neulich ohne den geringsten Übergang von der Höhe des Glücks, der Ruhe und Würde in den Abgrund der
    Verzweiflung, des Grimms und der Entehrung hinabgeschleudert; wieder wurden ihm alle Menschen und alles in der Welt
    widerwärtig.
    »Machen Sie es nur so, wie Sie es für gut halten, Fürstin«, sagte er und sah sich wieder um.
    »Ja, ja, man hat es schwer als Ehemann!« bemerkte, zu ihm gewendet, scherzend Stepan Arkadjewitsch; er spielte
    dabei offenbar nicht nur auf das Gespräch mit der Fürstin, sondern auch auf die eigentliche Ursache von Ljewins
    Aufregung an, die er recht wohl bemerkt hatte. »Aber wie spät du heute kommst, Dolly!«
    Alle standen auf, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasenka erhob sich nur für einen Augenblick von seinem
    Platze, machte mit jenem Mangel an Höflichkeit, wie er neuerdings jungen Männern etwas älteren verheirateten Damen
    gegenüber eigen zu sein pflegt, eine flüchtige Verbeugung und setzte dann sein Gespräch mit Kitty fort, wobei er
    über irgend etwas laut lachte.
    »Mascha hat mich rein zur Verzweiflung gebracht. Sie hat schlecht geschlafen und ist heute furchtbar unartig«,
    sagte Dolly.
    Das Gespräch, das Wasenka mit Kitty angeknüpft hatte, drehte sich wieder um denselben Gegenstand wie am Abend
    vor der Jagdpartie, nämlich um Anna und um die Frage, ob man die Liebe über die gesellschaftliche Ordnung stellen
    dürfe. Kitty war dieses Gespräch unangenehm; es versetzte sie in Unruhe sowohl durch seinen Inhalt an sich wie auch
    durch den Ton, in dem es geführt wurde, namentlich aber deswegen, weil sie schon wußte, wie das auf ihren Mann
    wirken werde. Aber einfach und natürlich, wie sie war, verstand sie sich nicht darauf, ein solches Gespräch
    abzubrechen, ja nicht einmal darauf, die innerliche Befriedigung zu verbergen, die ihr die augenscheinliche
    Bevorzugung durch diesen jungen Mann gewährte. Sie hatte den Wunsch, das Gespräch zu beendigen, wußte aber nicht,
    was sie zu diesem Zweck tun sollte. Sie wußte, daß, sie mochte tun was sie wollte, ihr Mann es bemerken und in
    üblem Sinne auslegen werde. Und wirklich, als sie nun an Dolly die Frage richtete, was denn eigentlich mit Mascha
    vorgefallen sei, und Wasenka mit gleichgültiger Miene Dolly anblickte und auf die Beendigung dieses für ihn
    langweiligen Gespräches wartete, da faßte Ljewin diese Frage als eine heuchlerische, abscheuliche List auf.
    »Nun, wie ist's? Wollen wir heute ausfahren und Pilze suchen?« fragte Dolly.
    »Schön, das wollen wir tun; ich fahre auch mit«, erwiderte Kitty und errötete dabei. Sie wollte
    höflichkeitshalber Wasenka fragen, ob er auch mitkommen werde, unterdrückte aber die Frage. »Wohin gehst du,
    Konstantin?« fragte sie mit schuldbewußter Miene ihren Mann, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr
    vorbeiging. Dieser schuldbewußte Gesichtsausdruck war ihm eine Bestätigung aller seiner Befürchtungen.
    »Während ich weg war, ist der Maschinist angekommen, und ich habe ihn noch nicht gesehen«, antwortete er, ohne
    sie anzublicken.
    Er ging hinunter, hatte aber sein Arbeitszimmer, von wo er den dort beschäftigten deutschen Maschinisten abholen
    wollte, noch nicht verlassen, als er die ihm wohlbekannten Schritte seiner Frau hörte, die mit unvorsichtiger
    Schnelligkeit zu ihm kam.
    »Was willst du?« sagte er trocken zu ihr. »Wir haben zu tun.«
    »Entschuldigen Sie«, wandte sie sich an den Maschinisten, »ich möchte gern mit meinem Manne ein paar Worte
    sprechen.«
    Der Deutsche wollte

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