Baudolino
Geschenk und Andenken meines leiblichen Vaters meinem geistigen Vater, und mein leiblicher Vater hatte recht: Dieses überaus bescheidene Ding, mit dem er sein ganzes Sünderleben lang kommuniziert hatte, war wirklich und geistig der Kelch, aus dem der arme Christus getrunken hatte, bevor er hinging, um für unser aller Sünden zu sterben. Nimmt nicht auch der Priester, wenn er die Messe liest, billigstes Brot und billigsten Wein und läßt sie Fleisch und Blut Unseres Herrn werden?«
»Aber du warst kein Priester.«
»Ich habe ja auch nicht gesagt, dies sei das Blut Christi, ich habe nur gesagt, hierin sei es enthalten gewesen. Ich habe mir keine sakramentale Macht angemaßt. Ich habe ein Zeugnis abgelegt.«
»Ein falsches.«
»Nein. Du hast doch gesagt, wenn man eine Reliquie für echt hält, riecht man ihren mystischen Geruch. Wir denken immer nur, wir brauchten Gott, aber oft ist es auch so, daß Er uns braucht. In diesem Augenblick fühlte ich deutlich, daß ich Ihm helfen mußte. Jener Abendmahlskelch oder -becher mußte ja schließlich existiert haben, wenn Unser Herr ihn benutzt hatte.
Wenn er danach verlorengegangen war, dann durch die Schuld irgendeines Ignoranten. Ich gab ihn der Christenheit zurück.
Gott würde mich nicht Lügen strafen. Beweis dafür war, daß auch meine Gefährten mir sofort alles glaubten. Das heilige Gefäß war da, vor ihren Augen, nun in den Händen Friedrichs, der es zum Himmel emporhob, als wäre er in Ekstase, und Boron kniete nieder, als er zum ersten Mal den Gegenstand sah, über den er so oft phantasiert hatte, Kyot sagte sofort, ihm
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scheine, er sehe ein großes Licht aufgehen, Rabbi Solomon räumte ein, daß - obwohl Christus nicht der wahre Messias sei, den sein Volk erwarte - von diesem Gefäß ohne Zweifel ein Weihrauchduft ausgehe, Zosimos riß seine visionären Augen auf und bekreuzigte sich mehrmals verkehrt herum, wie ihr
Schismatiker es macht, Abdul zitterte wie Espenlaub und murmelte, wenn man diese heilige Reliquie besitze, sei man so reich, wie wenn man alle überseeischen Reiche zurückerobert habe - und es war klar, daß er die Schale gern als Liebespfand an seine ferne Prinzessin geschickt hätte. Selbst ich hatte feuchte Augen und fragte mich, wieso der Himmel gerade mich als Vermittler dieses wunderbaren Ereignisses ausgesucht hatte.
Was den Poeten betraf, so kaute er mißmutig an den Nägeln. Ich wußte, was er dachte: daß ich ein Dummkopf sei, daß Friedrich ein alter Mann sei, der nicht wisse, wie man sich diesen Schatz zunutze machen könne, daß wir ihn besser selbst hätten nehmen und in die Länder des Nordens bringen sollen, wo man uns ein Reich dafür gegeben hätte. Angesichts der offenbaren Schwäche des Kaisers kam er auf seine Machtphantasien zurück. Aber ich war darüber nicht unglücklich, denn ich begriff, daß auch er den Gradal als echt ansah, wenn er so reagierte.«
Danach hatte Friedrich die Schale andächtig in einen Schrein eingeschlossen und sich den Schlüssel um den Hals gehängt, und Baudolino fand das sehr gut getan, denn in jenem
Augenblick hatte er den Eindruck gehabt, daß nicht nur der Poet, sondern auch alle seine anderen Freunde bereit gewesen wären, sich den begehrten Gegenstand zu holen, um ihr
persönliches Glück mit ihm zu versuchen.
Von nun an war der Kaiser entschlossen zum Aufbruch und zögerte nicht mehr. Eine Eroberungsexpedition muß sorgfältig geplant werden. Im folgenden Jahr schickte er Botschafter zu Saladin und drängte auf Treffen mit Abgesandten des
Serbenfürsten Stefan Nemanja, des byzantinischen Basileus und
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des seldschukischen Sultans von Ikonion, um den Durchzug durch ihre Länder vorzubereiten.
Während die Könige von England und Frankreich beschlossen hatten, übers Meer nach Palästina zu fahren, brach Friedrich im Mai 1189 mit fünfzehntausend Reitern und fünfzehntausend Schildträgern von Regensburg aus auf dem Landweg auf; einige sagten, in der ungarischen Tiefebene habe er eine Parade mit sechzigtausend Reitern und hunderttausend Fußsoldaten
abgenommen. Andere sollen später sogar von
sechshunderttausend Pilgern gesprochen haben, womöglich haben alle übertrieben, auch Baudolino konnte nicht sagen, wie viele es wirklich waren, vielleicht alles in allem zwanzigtausend Mann, aber in jedem Fall war es eine große Armee. Wenn man nicht gerade hinging, um sie Mann für Mann zu zählen, war es von weitem gesehen eine gewaltige Menge, bei der man zwar wußte, wo
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