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Berge Meere und Giganten (German Edition)

Berge Meere und Giganten (German Edition)

Titel: Berge Meere und Giganten (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Alfred Döblin
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dir nichts getan, daß du mich beleidigst.« »Dir sind deine Kinder gestorben, Marion, du bist hergekommen, daß ich dich tröste.« »Mein Kind lebt, eins ist gestorben.« »So lieb dein Kind.« »Was geht dich mein Kind an? Steh bei den Schädeln. Wenn es nach dir ginge, wäre die ganze Erde eine Schädelpyramide.« »Ich muß die Wache rufen.« »Ruf sie, ruf sie nicht, Marduk. Tus. Tus nicht. Mein Himmel, was soll ich sagen.« Sie war plötzlich bläulich blaß geworden. Zitterte bis zum Schwanken. Sie war in schrecklicher Bedrängnis, sah an sich herunter, kratzte, rieb sich die Finger: »Ich hab mit dir nichts zu tun. Ich weiß nicht, was ich von dir will. Du tust mir unrecht, wenn du sagst, ich liebe dich. Ich werde nicht von hier weggehen. Du darfst deine Wache nicht rufen. Laß laß mich noch hier stehen. Ich sterbe noch früh genug. Du kennst mich nicht.«
    Ganz still stand der lange Marduk. Die Divoise warb um ihn. Er fühlte nichts, aber ganz im Innern erbebte etwas in ihm, wie in einer Stadt die Scheiben leise klirren von den Donnerstößen einer sehr fernen Schlacht. Sein Mund fing an sich zu einem Lächeln zu verziehen: »Ich habe manche Geschäfte, Marion Divoise.« »Ich auch.« »Was soll geschehen?« »Laß mich –« sie war am Schwanken, schloß den Kopf zurückbiegend die Augen, schluckte, »– laß mich – in dem Hause bleiben. Ein paar Stunden.« Sein Inneres erbebte stärker, tiefer innen; er zog die Muskeln seiner Arme zusammen, ballte die herabhängenden Hände, leise: »Das ist bei mir nicht üblich. Ich habe keine Frauen bei mir.« »Laß mich – in deiner Nähe – sein, Marduk.«
    Er mußte um die Pyramide herumgehen; trat unter das große Flammenbild, kam wieder hervor, im braunschwarzen offenen Mantel. Die Divoise hatte die Augen geschlossen, bewegte sich nicht, unkenntlicher Ausdruck über ihrem Gesicht. Die Augen riß Marduk auf, biß sich auf die Unterlippe. Er wußte nicht, was in dem Raum umging, was seine Schulterhaut mit Hitze und Kälte überschüttete. Er fühlte seine Beine gedrängt, sich nach ihr hinzubewegen, lachte leicht, wie er ihre Hand anrührte: »Also, ich werde dir ein Zimmer geben lassen hier. Verbreite es nicht. Es ist nicht meine Art.« Ihre Hand zuckte zurück; tonlos sagte sie: »Dies ist gut von dir, Marduk.« Er sah, wie sehr sie litt, faßte sie, die betäubt schien, am Arm, führte sie durch einen Gang in ein Zimmer, wo sie sich von ihm losmachte, sich setzte. »Ich bin, Marion Divoise, nicht weit von hier. Du hebst diesen Griff. Man sagt dir, wo ich bin.«
    Die blonde Balladeuse lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. Erst als er hinaus war, stieß sie das tierartige Stöhnen aus, das schon lange in ihr gesteckt hatte, schlug sich die Brust, zerzupfte die Fransen der Tischdecke. Um – plötzlich – anzuhalten, die Hände herabfallen zu lassen. Matt wurden die Schultern, weich sank sie über sich zusammen, lächelte eingedeckt hingedrückt vor sich, stützte den Kopf auf den Arm, hingebend: »Ich bin hier. Gelandet. Oder gestrandet. Oder. Oder. Marduk kann jeden Augenblick kommen; wenn ich den Griff hebe, wird er kommen. Meine Hand kann das, meine liebe kleine Hand. Ich in seinem Haus, unter seinem Dach. Marion Divoise, du Süße, jetzt ist das beste: du schläfst!« Dachte nicht an ihr Kind, Desir, die Menschen, die an ihr hingen. Kam sich vor wie am Ende eines langen Wegs. Und die Arme unter den Kopf gekreuzt schlief sie eine süße Stunde. Fühlte, wie sie sich aufsetzte: »Welch verzaubertes Haus. Was ist mit mir geschehen. Ich kann mir nichts denken, was so schön ist wie dies jetzt. Marduk soll kommen. Marduk soll kommen.«
    Man sagte ihr, wie sie den Griff hob, daß Marduk auf seinem Zimmer schliefe. »Auch er. Er auch.« Sie faßte sich an die Brust, ihre Augen leuchteten. Wie es dunkel wurde, hob sie wieder den Griff. Da schlief Marduk noch. Verwirrt ging sie an den Apparat. Die ruhige Männerstimme kam heraus, der Konsul liege im Schlaf auf seinem Zimmer.
    »Ich bettle, ich bin versklavt. Ich muß mich rüsten.« Laut sprach sie sich vor: »Er kommt bald«, die zerzupften Fransen des Tischtuchs vom Boden sammelnd und in einem Haufen auf dem Tisch bergend; daneben setzte sie sich. Sie drückte den Lichtknopf.
    Wie die Tür aufging, stand Jonathan in weißer Seide da. »Ich war bei Marduk. Er sagte mir, daß du hier wärst. Ich freue mich dich zu sehen.« »Er hat dich geschickt.« Jonathans Stimme war erfüllter, klangreicher, fester als sonst:

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