Bildnis eines Mädchens
Verbeugungan und sagte auf Deutsch: »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Madam.«
Betsy lächelte ihn an. Sie trug das moosgrüne Kostüm und einen Hut, der ihr auch ohne Sonnenschirm Schatten gespendet hätte.
Edward erinnerte sich an Jamies Bemerkung, dass Mathildes Tante gern extravagante Hüte trage, und lächelte zurück. Ihr schmales
Gesicht war von dunklem Haar eingerahmt, so weit der Hut den Blick darauf freigab, ganz erstaunlich aber fand Edward ihre
dunkelblauen Augen.
»Mathilde!«, rief Betsy und wandte den Kopf.
Mathilde stand ein paar Schritte entfernt und sah James nach, den Kate gerade ungeduldig am Arm nahm und wegzog. Ihr Gesicht
strahlte vor Entzücken, dass er für Stunden in ihrer Nähe sein würde.
»Kommst du kurz herüber, Mathilde?«, rief Betsy noch einmal.
Auf Mathildes Gesicht lag noch immer der glückselige, etwas abwesende Ausdruck, der James galt, doch als die Sonne plötzlich
wieder hinter der Wolke hervorbrach und ihr Gesicht in Licht tauchte, sah es aus, als vertiefe sich ihr Lächeln bei Edwards
Anblick. Edward jedenfalls deutete es so.
Auch das Mädchen, tadelte er sich, hatte er zuvor gar nicht richtig angesehen. Es war, als habe die Sonne gerade eben einen
Schleier von Mathilde oder besser von seinen Augen gezogen. Mathilde war etwa gleich groß wie ihre Tante und glich ihr in
vielem. Sie wirkte etwas weicher, als sei noch nicht der ganze Babyspeck weggeschmolzen, überhaupt gab es etwas weniger Kontraste,
die Haare, blond und lockig, passten zu den blauen Augen, und die Nase, die bei Betsy hervorsprang und ihr etwas Kühnes gab,
war bei Mathilde klein und unauffällig. Ihre Wangen, bemerkte er, waren fast fiebrig gerötet, und es gab Edward einen Stich,
dass James Mathilde so leicht für sich gewonnen hatte, wo er doch nur mit ihr spielte. Fasthätte er sich für seinen Freund geschämt, aber dieses Gefühl wurde von einem anderen in der Waage gehalten, nämlich dem, dass
die Frauen selbst schuld waren, wenn sie auf einen wie James hereinfielen.
Die Dienstboten der Simpsons hatten den idealen Platz für das Picknick gefunden, am Rande des Waldes, nahe bei dem verträumt
daliegenden Stazer See. Ein paar Blesshühner ruderten aufgeschreckt über das stille Wasser davon, als die Gesellschaft sich
lachend auf Decken und Stühlen niederließ und kurz die Gegend bewunderte. Die Dienerschaft zog sich diskret zurück an einen
Ort, wo die Herrschaften nicht durch ihren Anblick gestört wurden, von dem sie aber schnell herbeieilen konnte, wenn es gewünscht
war.
Noch ehe man sich richtig installiert hatte, zog für einige Momente Myriam Shuttleworth, Kates beste Freundin, alle Aufmerksamkeit
auf sich, die sich sonst regelmäßig auf Kate richtete. Sie schlug plötzlich wild und mit spitzen Aufschreien um sich, und
das war das Schlechteste, was sie tun konnte, denn so stach die Biene, angezogen unter anderem von Myriams blumigem Parfum,
tatsächlich zu. Myriam erholte sich nur schwer von ihrem Schrecken, dem Schmerz und der Tatsache, dass ihr Mann nicht einmal
in der Lage war, eine Biene abzuwehren, was für ihn das Ende des zuvor so unbeschwerten Ausflugs bedeutete. Er bot seiner
Frau an, mit ihr nach St. Moritz und von dort nach Maloja zurückzukehren, was sie wütend ablehnte, da sie schon in der Mitte
des Weges waren.
Als Nächstes wurde eine Fotografie angefertigt, für die sich alle feierlich aufstellten. James machte Faxen und hatte Mühe
stillzuhalten, vor allem weil der Fotograf Kates Ehemann war, der sich, ein reiner Amateur in dieser Kunst, enorm wichtig
machte. James bedauerte es, dass sich wegen des einfach zuhandhabenden Apparates, den die amerikanische Firma Kodak entwickelt hatte, allmählich Hinz und Kunz dem Fotografieren hingaben.
Ganz wie dieser Banause hier. Wenn sich ein Fachmann wie James auf Reisen der bequemen neuen Kamera bediente, war das doch
etwas völlig anderes.
»Wir hätten Segantini zum Picknick einladen sollen«, bemerkte er deshalb, als das Prozedere kein Ende nahm, »er hätte in der
gleichen Zeit ein Gemälde von uns angefertigt.«
»Und wer ist das?«, schnappte Robert Simpson zurück. Er war tatsächlich beleidigt, wie James befriedigt konstatierte.
»Ach, nur ein Nachbar in Maloja«, murmelte er, worauf der Mann von Myriam Shuttleworth laut auflachte.
»Robert! Willst du sagen, dass du noch nie von Segantini gehört hast?«
Mr. Shuttleworth konnte sich gar nicht mehr
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