Bildnis eines Mädchens
Abschied zu Mathilde. »Die Luft hier oben und
die Bäder stimulieren die Lust aufs Essen, und das ist auch gut so. Das ist ein Teil der Therapie. Sie werden trotzdem nicht
zunehmen«, er schmunzelte, »Ihr Kurplan lässt Ihnen genügend Zeit, sich auszutoben.«
Betsy nutzte den Nachmittag in St. Moritz, um sich bei einer Schneiderin, die ihr empfohlen worden war, die passende Garderobe
für die Berge zuzulegen. Dieser Aufenthalt war genau der richtige Zeitpunkt, um die Trauerkleidung abzulegen. Walter würde
es ihr nachsehen, er war nicht engherzig gewesen, sonst wäre er nie auf die Idee gekommen, sie zu heiraten. Sie hatte das
ewige Schwarz satt, auch wenn es inzwischen mit Weiß aufgehellt war.
Wie gut ein bisschen Farbe der Seele tat, nach drei JahrenSchwarz! Sie wusste, dass viele Witwen ihr Leben lang bei der Halbtrauer blieben, und sie hörte schon, wie ihre Schwestern
sie bei der Heimkehr rügen würden. Aber sie hatte eine solche unbändige Sehnsucht nach Veränderung. Der Mensch muss sich hier
und da wandeln, dachte sie und entschied sich für ein Kostüm in dunklem, samtigem Moosgrün und für ein brombeerrotes Kleid,
nichts Auffallendes. Für den Abend wählte sie ein elegantes Silbergrau, die Seide war exquisit, und sie würde Perlen dazu
tragen. Wollte das ewige Schwarz nicht mit allen Kräften herunterspielen, dass der Witwenstand auch Freiheiten mit sich brachte?
Man empfahl ihr, hohe Gamaschen zu kaufen, falls sie wandern und Bergtouren machen wolle, denn es sei praktisch, beim Aufstieg
den weiten, langen Rock zu schürzen. Ein elastischer Gurt unterhalb der Hüften würde ihr erlauben, die Rockzipfel einzustecken
und so etwas mehr Beinfreiheit zu gewinnen. In wenigen Tagen wollte die Schneiderin die gewünschte Garderobe liefern.
Betsy war glücklich. Sie hielt den dunkelroten Stoff ans Gesicht und betrachtete sich im Spiegel. Eine Spur Farbe, wie das
schmeichelte! Frische Luft, einen Berg besteigen, Menschen sehen … Betsy trat auf die Straße. Das Licht rieselte warm in ihren Nacken. Sie blinzelte in die Sonne, die hier oben so viel intensiver
zu sein schien als im Flachland, und öffnete den Sonnenschirm. Das normale Leben kehrte zurück.
Es ist Frühling, dachte sie, mein Gott, es ist Frühling! Wie ist der Frühling schön.
***
James Danby war sich nicht sicher, ob Mathilde ihm je aufgefallen wäre, wenn Kate Simpson ihn nicht mit der Nase auf sie gestoßen
hätte. Aber nun ging sie ihm nicht mehr aus demKopf, genauso wenig wie Kate. Kate hatte seine allgemeine Lust auf Eroberung geweckt. Es war klug von ihr, das Begehren breiter
anzufachen. Denn wenn er sich klargemacht hätte, dass sie nicht mehr und nicht weniger war als eine verheiratete Frau, die
schlussendlich nur für eine schale Affäre zu haben war, wäre das Feuer in ihm vielleicht erloschen. Indem sie aber seinen
Kopf verwirrte, ihm Hoffnungen machte, nur um ihn gleich darauf Mathilde zuzutreiben, dann aber ihre erotische Erfahrung wieder
ins Spiel brachte, um so erneut über das junge Mädchen zu triumphieren, fesselte sie seine Fantasie stärker, als sie es ohne
das doppelbödige Spiel vermocht hätte.
Mathilde ihrerseits war dabei, sich in ihn zu verlieben, das war offensichtlich, und mit jeder Begegnung, die Kate inszenierte,
wuchs ihre glückliche Verwirrung und verminderte sich ihre Abwehr. Ihr Gesicht war ein offenes Buch, und es schmeichelte James,
sich auf jeder Seite dieses Buches wiederzufinden. Indessen war es Kate, die das Spiel beherrschte. Das ärgerte ihn, stachelte
aber auch seinen Ehrgeiz an, sie zu besiegen. Die Qualen, die sie ihm bereitete, waren süß und frivol genug, um sein Interesse
an ihr wachzuhalten.
Er hatte sich von Kate breitschlagen lassen, heute auf eine Wanderung von St. Moritz nach Pontresina mitzukommen, an der neben
einigen Freunden von Kate auch Mathilde und ihre Tante teilnehmen sollten. Keine anstrengende Tour. Beim Stazer See wollte
man picknicken, die Dienstboten der Simpsons wurden mit karierten Decken, Klappstühlen, den Picknickkörben und dem Auftrag
vorausgeschickt, einen geeigneten Platz zu finden. In Pontresina schließlich wollte man im »Kronenhof« zum Tee einkehren und
sich dann mit dem Pferdewagen wieder zurückkutschieren lassen.
James malte seinem Freund den Ausflug in den schönsten Farben und sagte dann: »Eddie, ich brauche dich. Du kommst mit, ja?
Tu mir den Gefallen!«
Edward witterte, dass ihm
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