Bis ich dich finde
der
Dusche singt.
Als Jack an ihren Schrank tritt, ist er von ihren Kleidern wie
verzaubert. Es ist ein Witz für Eingeweihte: Jack Burns kramt in einem Schrank
voller Frauenkleider herum. Nicht einmal dem Schmuck hat der Dieb in
Boxershorts so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Es ist offensichtlich, daß ihre
Kleider Jack sehr gefallen. Er ist völlig in ihren Anblick versunken und merkt
gar nicht, daß das Wasser nicht mehr läuft und Jessica aufgehört hat zu singen.
Als die Badezimmertür geöffnet wird und Jessica, das nasse Haar in
ein Handtuch gehüllt, in ihrem Frotteebademantel dasteht, wird ihr Bild vom
Spiegel auf der Schranktür reflektiert. Es ist eine großartige Einstellung:
Jessica scheint neben Jack zu stehen, als er eins der Kleider vor seinen
halbnackten Körper hält und sich (und sie) im Spiegel betrachtet.
Er ist ein cooler Dieb. »Mannomann, ich wette, an dir sieht das
klasse aus«, sagt er zu Jessica Lee. Im Film ist sie ganz überwältigt. (Denn
das ist die Geschichte: Sie verliebt sich in den Dieb.) Dennoch hatten sie die
Szene zehnmal drehen müssen. Jessica war nämlich alles andere als überwältigt.
Als sie zum erstenmal sah, wie Jack Burns sich das Kleid vor den Körper hielt,
wurde sie ganz blaß. Sie sah etwas, das ihr nicht gefiel – etwas von Jack [568] Burns. Sie brauchte zehn Takes, um das, was sie gesehen hatte, beiseite zu
schieben, und auch Jack brauchte ein paar zusätzliche Takes.
»Was war es? Was hast du gesehen?« fragte er sie später.
»Ich weiß nicht, was es war, Jack«, antwortete sie. »Aber es ist mir
kalt den Rücken hinuntergelaufen.«
Trotz Jessica Lees Schauder war der letzte Take ein Bringer. In
jeder Jack-Burns-Retrospektive, in jeder Sammlung von Filmausschnitten war
diese Szene dabei. Er hält das Kleid vor sich und sagt: »Mannomann, ich wette,
an dir sieht das klasse aus.« Sie steht in der Badezimmertür und lächelt dieses
Lächeln. Jessicas Lächeln ist so breit, daß man hineinfallen und sich darin
verlieren kann. Aber Jack konnte diesen Ausschnitt nie sehen, ohne daran zu
denken, wie sie ihn beim ersten Mal angesehen hatte. Da hatte sie nicht
gelächelt und auch nicht gespielt.
Augenblicke wie dieser machten Jack noch mehr zum Außenseiter. Wenn
man weiß, daß man jemandem angst gemacht hat, lernt man, vorsichtig zu sein.
Das, was Emma als sein Noir -Ding bezeichnete, war ein
bißchen unheimlich. Man konnte es zu Geld machen, aber konnte man es mögen?
Jack Burns hatte ein ganz eigenes Großaufnahmen-Gesicht gefunden,
und es war beunruhigender als der Toshiro-Mifune-Blick. Jack konnte es selbst
nicht sehen, nur seine Wirkung auf andere. War es sexuell beunruhigend? Ja,
eindeutig. War es bedrohlicher als noir ? Nun,
»schelmisch« hatte es jedenfalls weit hinter sich gelassen.
»Es ist unberechenbar, Süßer – es ist
dein Look.«
»Der ist nur gespielt«, antwortete er. ( Damit
halte ich mein Einmannpublikum bei der Stange, dachte er.)
»Nein, das bist du, Zuckerbär. Du bist
unberechenbar. Und darum bist du so unheimlich.«
»Ich bin nicht unheimlich!« beharrte er. Jack fand, Emma sei
diejenige, die unheimlich war.
[569] Er vergaß nie, wo sie gewesen waren, als Emma ihm gesagt hatte,
er sei unheimlich. Sie fuhren in dem silbergrauen Audi auf dem Sunset
Boulevard. Jack saß am Steuer. Sie waren in Hollywood, in der Gegend des
Château Marmont, wo John Belushi gestorben war, und Jack versuchte
herauszufinden, was Jessica Lee so erschreckt hatte. »Vielleicht stand mir das
Kleid nicht«, sagte er. »Ich wollte, ich könnte die ganze Sache vergessen.«
»Gott, hab ich die Bar Marmont satt«, war alles, was Emma dazu
sagte.
Weil Jack berühmt war, wurde er immer eingelassen. Die Bar lag neben
dem Hotel. Sie war groß, und es ging laut zu. Viele falsche Busen und
hoffnungsvolle Talentmanager, das Publikum sehr trendy und ultrajung. Vor der
Tür standen gewöhnlich an die dreißig Leute, die nicht eingelassen wurden; an
diesem Abend war Lawrence unter ihnen. Emma tat, als hätte sie ihn nicht
gesehen, aber Lawrence packte Jack am Handgelenk.
»Na, heute gar nicht als Frau unterwegs? Was, du bist ein Mann? Wie
enttäuschend für deine Fans!« rief er.
Emma stieß ihm ihr Knie in den Unterleib, und dann gingen Jack und
sie hinein. Lawrence lag zusammengekrümmt da, die Knie an die Brust gezogen,
als wollte er irgend etwas gebären – obgleich ein solches Ereignis nicht
unmittelbar bevorzustehen schien. Wenn er, Jack, Lawrence das Knie
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