Blutsverwandte: Thriller (German Edition)
brauchte das jetzt nicht zu wiederholen. Außerdem hatte sich mittlerweile alles mehr oder weniger in ein einziges Gefühl verwandelt: Taubheit. Genie zog sie ins Arbeitszimmer im Erdgeschoss und schloss leise die Tür. Carrie blieb stocksteif stehen, während sich Genie in der Dunkelheit den Weg zum Schreibtisch bahnte.
Carrie hoffte fast, der Moment in der Dunkelheit werde nie enden. Sie konnte sich in seiner Nichtexistenz verbergen, ohne Entscheidungen treffen zu müssen, die andere verletzen oder Probleme heraufbeschwören könnten.
Genie machte die Schreibtischlampe an. »Wir wissen beide, dass hier etwas faul ist«, sagte sie, als könnte sie Carries Gedanken lesen. »Es geht nicht nur um dich. Und du machst keine Probleme. Du hast Mom nicht dazu gezwungen, mit Onkel Dex zu schlafen.«
»Genie!«
»Na, hat sie doch.« Genie nahm den Hörer ab und wählte.
»Warte! Ich finde, wir sollten nicht jetzt anrufen!«
»Warum nicht?«
»Womöglich wecken wir sie auf«, sagte Carrie in dem Wissen, dass der wahre Grund in ihrer Angst lag, die so schlimm war, dass sie das Gefühl hatte, dringend zur Toilette zu müssen.
»Es ist eine Nummer bei der Zeitung«, erwiderte Genie. »Siehst du? Die Nummern der Reporter fangen alle gleich an.«
So etwas fiel Genie immer ganz schnell auf – Zusammenhänge zwischen Zahlen, Codes und visuellen Strukturen. Vielleicht, sinnierte Carrie, wäre ich da auch draufgekommen, wenn es in dem Artikel um Genie gegangen wäre. Seit sie den Artikel gelesen hatte, konnte sie nicht mehr richtig denken.
»Hast du Angst?«, fragte Genie.
Carrie nickte.
»Ich mach’s für dich.«
Sie wählte zu Ende, winkte Carrie näher herbei und hielt das Telefon so, dass Carrie die Bandansage hören konnte.
»Sie sind verbunden mit der Mailbox von Irene Kelly beim Las Piernas News Express. Ich bin am Montag, dem ersten Mai, nicht in der Redaktion, aber am Dienstag bin ich wieder da. Bitte hinterlassen Sie mir nach dem Signalton eine Nachricht mit Ihrer Nummer einschließlich der Vorwahl. Falls es dringend ist, drücken Sie bitte die Drei, um mit unserer Nachrichtenredaktion, oder die Null, um mit der Zentrale verbunden zu werden.«
Genie holte tief Luft und sagte mit gedämpfter Stimme: »Hallo, Ms. Kelly. Ich rufe wegen des Mädchens an, über das Sie heute in der Zeitung geschrieben haben. Sie würde sich gern mit Ihnen treffen …«
Carrie langte hinüber und drückte auf die Gabel.
»Warum hast du das gemacht?«, fragte Genie, wobei sie völlig vergaß, leise zu sprechen.
Carrie zuckte zusammen und blickte zur Decke hinauf.
Genie zog die Schultern ein. »Tut mir leid!«, flüsterte sie.
Sie horchten lange, vernahmen jedoch weder Schritte noch andere Geräusche von oben.
Carrie sah Genie verstört an. »Warum hast du der Reporterin gesagt, dass ich mich mit ihr treffen will?«
»Weil du mehr Informationen brauchst. Was, wenn dein richtiger Vater nicht nett ist? Sie weiß es. Sie kennt ihn.«
»Mom auch.«
»Mom wird dir nie die Wahrheit über ihn erzählen.«
Carrie musste zugeben, dass das stimmte. Doch was würde passieren, wenn sie diese Reporterin traf? »Vielleicht könnte ich sie einfach nur anrufen und mit ihr über ihn reden.«
»Carrie«, sagte Genie und verdrehte die Augen. »Wir rufen sie um halb sieben Uhr morgens an, weil wir zu normalen Uhrzeiten niemanden anrufen können, ohne dass Mom es erfährt. Wenn wir nicht Großvater und unsere Tanten und Onkel an ihren Geburtstagen anrufen würden, wüssten wir nicht mal, wie man ein Telefon benutzt!«
»Wir rufen auch unsere Cousinen an …«
Genie verdrehte erneut die Augen.
»Wie soll ich sie denn treffen?«, fragte Carrie. »Es ist noch schwerer, aus dem Haus zu kommen, als zu telefonieren.«
»Oh nein, ist es nicht.«
»Doch, ist …«
»Carrie! Hör mir zu. Dad ist schon weg. Wir sind gegenüber Mom mit vier zu eins in der Überzahl. Wenn es so weit ist, dass du dich mit Ms. Kelly treffen sollst, fange ich ein Versteckspiel an. Es dauert dann einfach ein bisschen länger als bei den anderen, bis du gefunden wirst. Du gehst vor an die Ecke, zeigst ihr, dass du das Mädchen auf dem Foto bist, und kommst wieder zurück. Dann versteckst du dich hinter dem Duschvorhang im unteren Badezimmer. Dort schauen die Jungs nie nach.«
Vorübergehend von ihren Sorgen abgelenkt, fragte Carrie: »Nein? Warum denn nicht?«
»Troy und Aaron glauben, in der Dusche lebt der Schwarze Mann.«
»Wieso das?«
»Natürlich weil ich es
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