Dark Love
bewegen könnten.
Als ich mich schließlich für die Kirche bereit machen musste, zog ich mir mein zweitbestes Kleid an, das aus blauem Batist. Das neue hatte meine Mutter verbrannt. Sie hatte nicht einmal versucht, die Blutflecke herauszuwaschen. Ich verschwendete keinen weiteren Gedanken auf mein Äußeres, wusch mir das Gesicht nicht und ließ mein glattes Haar ungekämmt. Alles bedrückte mich, die Klinge senkte sich immer tiefer. Die Stadt versank in Panik. Es gab kein Lebenszeichen von Nora. Mein gesunder Menschenverstand sagte mir, dass es vielleicht gut für mich wäre, den Gedanken an ihren Tod zu akzeptieren. Aber ich schaffte es nicht. Es fühlte sich an wie ein endgültiger Verrat.
Auch während ich darauf wartete, dass mein Vater mich nach unten rief, betete ich.
Wir nahmen uns ein Taxi zum Dom der Heiligen Mutter. Wir fuhren schweigend und weder mein Vater noch meine Mutter sahen mich an. Ich betrachtete die Stadt durch die Fenster. Obwohl die Straßen heute durchaus belebt waren, war das Gedränge nicht mehr so schlimm wie früher. Auch das beunruhigte mich.
Im Kirchenviertel gab es noch Strom. Die Fassade der Kathedrale war prächtig, weiß und lieblich. Während mein Vater meiner Mutter aus der Kutsche half, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Statue über uns, die nachts elektrisch beleuchtet wurde. Die Mutter Gottes sah ernst und nachdenklich aus. Ich verstand sie.
Ich wusste, dass es mir nicht zustand, zu sprechen oder jemanden anzusehen. Ich folgte meinen Eltern und entsprach dabei der ersten dieser beiden Vorschriften vollkommen, der zweiten allerdings nicht. Mein Blick glitt über die große Versammlung und suchte nach Anzeichen von Krankheit. Ich sah, wie die Ministranten und Saaldiener ihre Aufgaben normal verrichteten, und ließ mich davon etwas beruhigen. Ich hoffte, dass es allen hier gut ging, nicht nur unseretwegen, sondern auch für sie selbst. Ich betete ehrlich und aufrichtig dafür, dass kein Mensch in dieser Nacht der Nächte würde leiden müssen.
Niemand sprach uns an. Genau genommen wurden wir nicht einmal groß beachtet, auch wenn ich den einen oder anderen neugierigen Blick auffing. Wir nahmen unsere Plätze ein und die Zeremonie begann. Ich kannte sie auswendig. Die Messe verlief immer gleich. Gebete, Lesungen, Kerzen und das Verteilen von Brot und Wein. Meine Aufmerksamkeit wanderte.
Das aufdringliche Gefunkel der aus flexiblen Bildschirmen gefertigten Wandteppiche fesselte mich eine Weile lang. Der längste von ihnen hing direkt hinter dem Altar und man hatte ihn so programmiert, dass er eine verzierte Krippenszene zeigte. Gelegentlich verschwanden dahinter Ministranten. Dort lag der frühere Banktresorraum, den man jetzt als Lagerraum benutzte. Der Altar stand genau dort, wo vor Jahrhunderten einmal der Kassenschalter gestanden hatte.
Der Priester leierte seine Predigt herunter und meine Gedanken wandten sich erneut meiner Familie zu. Sie saßen direkt neben mir. Wenn ich meine Hand ausstreckte, konnte ich sie berühren. Und doch nagte an mir ständig das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war, dass wir in Gefahr schwebten. Es musste etwas getan werden, aber ich wusste nicht, was. Wo sollte ich nur anfangen? Meine Familie schien bereitwillig zu glauben, was in den Nachrichten gesagt wurde, auch wenn mein Vater ständig die Regierung als unfähig und die Reporter als Leichenfledderer beschimpfte. Wahrscheinlich würden sie mir nicht einmal mehr zuhören, sondern …
»Pamela?«
Meine Mutter sah mich mit sorgenfinsterem Blick an. Alle um mich herum waren bereits aufgestanden und vor dem Ausgang hatte sich eine Menschentraube gebildet. Die Messe war vorüber. Ich hatte es nicht einmal bemerkt.
Ich erhob mich und folgte ihr. Dieselben Menschen, die während der letzten Stunde still dagesessen und vielleicht sogar Trost daraus gezogen hatten, versuchten jetzt umso eiliger, die Kirche zu verlassen. Die Reichen wurden so schnell zu ihren Kutschen geleitet, als stünden sie unter Beschuss, und an der Straße drängten sich scharenweise Leute, um ein Taxi zu ergattern. Auch mein Vater mischte sich unter die Menge, doch nach einer Viertelstunde wurde deutlich, dass er keines bekommen würde.
»Wir müssen laufen«, sagte er und zog an seinem Krawattenknoten.
Mum griff nach Issys Schulter und hielt sie fest. »Bist du sicher, dass das ungefährlich ist?«
»Als wir hergefahren sind, waren die Straßen ziemlich leer. Wir können ja wenigstens schon mal loslaufen
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