Das Buch Von Ascalon: Historischer Roman
von Antiochia abbildeten. Die Offiziere und Unterführer standen hinter ihren Herren entlang der Zeltwände aufgereiht und warteten stumm auf den Ausgang der Beratungen.
Kur-Bagha war in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil von Duqaq. Gedrungen und von kräftiger Statur, erweckte er den Anschein eines Mannes, der in sich selbst ruhte. Und anders als der Fürst von Damaskus, dessen Ansinnen stets darauf gerichtet war, seinen Besitz und sein Ansehen zu mehren, war Kur-Bagha sich seiner Position und der damit verbundenen Machtfülle zu jedem Augenblick voll bewusst.
Auf einem mit Kamelhaar überzogenen Sitz thronend, das Haupt von einem ausladenden muhannak -Turban umwickelt, der seiner ohnehin schon respektgebietenden Erscheinung noch zusätzliche Würde verlieh, lauschte der Atabeg den Ausführungen seiner Verbündeten. Besondere Aufmerksamkeit schien er dabei jenen Emiren zu schenken, deren Truppen b ereits in Kämpfe mit den Kreuzfahrern verwickelt gewesen waren. Seinen wachen, in geheimnisvollem Grün schimmernden Augen war jedoch nicht anzusehen, was er dachte, und auch der von einem dichten Bart umrahmte Mund verriet keine Regung.
Gelassen hörte Kur-Bagha sich alles an.
Die Ausführungen Suqmans, der für einen massiven Angriff auf die in Mitleidenschaft gezogene Nordmauer der Stadt plädierte; die Argumente Janah al-Dawlas, des Emirs von Homs, der einem Angriff von Westen die besten Erfolgsaussichten einräumte; die Warnungen Duqaqs, der sich gegen eine direkte Konfrontation mit den Kreuzfahrern aussprach und nach den bei Al-Bira gewonnenen Erfahrungen lieber darauf setzen wollte, die Belagerten auszuhungern. Jeder Führer brachte seine Vorstellungen zu Gehör, und nicht selten kam es dabei zu Meinungsverschiedenheiten der Fürsten, die einander den Ruhm neideten, noch ehe er errungen war, und sich vor dem mächtigen Kur-Bagha in ein möglichst günstiges Licht zu setzen suchten – der Vergleich mit Kindern, die um die Gunst des Vaters buhlten, drängte sich Bahram auf.
Kur-Bagha ließ sie gewähren, bis er irgendwann genug hatte. Mit einer Geste brachte er den Emir von Menbidj zum Schweigen, der eben noch wortreich seine Sicht der Dinge angepriesen hatte. »All dies Reden«, sagte der Atabeg in die entstehende Stille, »ist nutzlos, solange wir nicht wissen, was der Feind unternehmen wird. Sobald wir unseren Angriff auf eine bestimmte Stelle konzentrieren, werden wir verletzlich, und die Christen wissen das.«
»So ist es, großer Kur-Bagha«, stimmte Duqaq beflissen zu. »Deshalb bin ich dafür, die Belagerung aufrechtzuerhalten. Wir wissen um die Zustände in der Stadt. Die Kreuzfahrer sind ausgehungert und dem Ende nahe. Alles, was wir brauchen, ist ein wenig Geduld.«
»Oder noch mehr Truppen«, wandte Kur-Bagha ein. »W ürde der Emir von Aleppo uns unterstützen, könnten wir die Stadt v ollständig einschließen und sie an mehreren Orten gleichzeitig angreifen.«
»Ridwan hat uns seine Hilfe verweigert, mächtiger Atabeg«, wandte Duqaq ein, dem die Vorstellung, seinen Bruder an seiner Seite zu haben und sich die Kriegsbeute womöglich noch mit ihm teilen zu müssen, offenkundig nicht gefiel. »Er ist ein Feigling und verdient unsere Aufmerksamkeit nicht.«
»Dann müssen wir versuchen, Kenntnis von dem zu erlangen, was innerhalb der Stadtmauern vor sich geht. Ahmed?« Der Atabeg winkte einen seiner Offiziere heran.
»Ja, Herr?«
»Ich werde Euch mit dem Oberbefehl über die Zitadelle beauftragen. Noch heute Nacht werdet Ihr mit einer kleinen Schar von Kriegern aufbrechen, von Westen her unbemerkt in die Festung eindringen und das Kommando über die dortige Garnison übernehmen. Fortan werdet Ihr mir über alles Kunde geben, was sich in der Stadt ereignet.«
»Ja, Herr.« Ahmed Ibn Merwan verbeugte sich tief, Stolz über die verantwortungsvolle Aufgabe spiegelte sich in seinen Zügen. Dann verließ er das Zelt, um seinen Trupp zusammenzustellen und die nötigen Vorbereitungen zu treffen.
»Auge und Ohr innerhalb der Stadtmauern haben wir nun«, meinte Kur-Bagha, »aber das allein genügt noch nicht. Wir müssen wissen, was in den Köpfen der Christen vor sich geht, müssen lernen, sie zu verstehen.«
»W ie können wir das?«, wandte Suqman von Diyarbakir ein. »Die Kreuzfahrer sind anders als alle Gegner, gegen die wir je gefochten haben. Sie kämpfen mit furchtbarer Entschlossenheit, und ihre Schwerter, obschon rostig und plump, werden in ihren Händen zu schrecklichen Waffen. Sie
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