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Das Erbe der Pilgerin

Das Erbe der Pilgerin

Titel: Das Erbe der Pilgerin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ricarda Jordan
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rasch nach einem Umhang gegen die nächtliche Kälte und folgte ihm. Unsicher tappte sie über den improvisierten Wehrgang. Die Burg war ihr nicht vertraut, nach wie vor wohnte sie ja meist in Neuenwalde, sie hatte bislang nur wenige Nächte hier verbracht. Allerdings bestand kaum Gefahr, auf den Verbindungswegen einen Ritter zu treffen. Aus dem ebenerdigen Saal klangen Gesang und vergnügte Stimmen zu ihr hinauf, aber außer Gerlin und Florís schlief niemand im oberen Stockwerk.
    Einen kurzen Moment verharrte Gerlin und lauschte dem Lied eines Troubadours. Er besang jetzt schon den Sieg. Niemand schien daran zu zweifeln, wie der Kampf zwischen Roland und Florís ausgehen würde.
    Nur Gerlin selbst. Und Florís.
    Gerlin stieg auch die letzten Stiegen zum Ausguck der Burg empor – und wie erwartet erkannte sie dort ihren Mann im Licht des Vollmonds. Genau wie vor jenem anderen Schicksalskampf, so viele Jahre zuvor, spähte er hinunter ins Tal. Wobei er in jener Nacht über ein Gewirr bunter Zelte und Garküchen geblickt hatte. Zur Feier von Dietrichs Schwertleite fand auf Lauenstein ein Turnier statt, und Roland hatte Dietrich zum Schaukampf gefordert. Aber Gerlin und Florís hatten gewusst, dass er seinen Tod plante. Und nun, da war Gerlin sich ebenso sicher, plante er den Tod ihres Sohnes – und den ihres Gatten.
    Die Szenerie, die sich Florís und Gerlin in dieser Nacht bot, war anders. Die Ortschaft Lauenstein lag tiefdunkel weit unter ihnen. Wahrscheinlich wusste keiner der Bewohner, dass sich am kommenden Tag auch ihr Schicksal entscheiden sollte. Zwischen dem Dorf und der Trutzfeste lag die Burg, auch sie gänzlich unbeleuchtet und still. Rolands Ritter sahen offensichtlich keinen Grund zum Feiern – oder ihnen fehlte einfach nur der Wein. Gerlin blickte auf die majestätisch schöne Festung Lauenstein unter dem Sternenhimmel. Ein prachtvoller Bau voller Türme und Erker. Vom Gipfel des Berges aus gut einzusehen, leicht zu treffen …
    Gerlin haderte mit vielen ihrer Entscheidungen der letzten Jahre. Wenn Dietmar nicht so starrköpfig gewesen wäre – und wenn sie selbst keine derartigen Skrupel gehabt hätte, Lauenstein zu zerstören, hätte das Katapult die Belagerung längst beendet. Oder den Fortgang der Dinge zumindest beschleunigt. Vielleicht wären Dietmar und Florís längst tot.
    Gerlin atmete tief durch und trat zu ihrem Gatten, der sicher ähnliche Gedanken hegte.
    »Du wirst siegen«, sagte sie ruhig. »Wir haben uns damals unnötige Sorgen gemacht, und jetzt tun wir es wieder.«
    Florís wandte sich ohne Überraschung um. Womöglich hatte er auf Gerlin gewartet.
    »Wie schön du bist!«, sagte er sanft. »Noch genauso schön wie damals. Du trugst ein weißes Kleid – und einen blauen Mantel. Und dein Haar war offen wie jetzt …«
    Gerlin hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihr Haar aufzustecken. Fast verlegen schob sie es aus dem Gesicht.
    »Ich war damals ein Mädchen …«, flüsterte sie.
    Florís schüttelte den Kopf. »Du warst eine wunderschöne Frau. Du wusstest, was du wolltest. Was du dir und dem Haus deines Vaters schuldig warst. Und dem Hause Lauenstein. Es war richtig, dass du Dietrich Eide geschworen hast – auch wenn ich dich damals … nein, ich habe dich nie dafür gehasst … eher bewundert … Ich wusste nicht … Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, so selbstlos meine Pflicht zu tun. Ich wusste nicht, ob ich es ertragen würde, wenn du Dietrich zum Mann nähmest. Aber du wusstest immer, was richtig war. Du weißt es auch jetzt. Darf ich morgen mit deinem Zeichen in den Kampf ziehen?«
    Gerlin lächelte zu Florís auf. Auch er war schön. Und auch sie hatte sein Bild von damals noch genau vor sich. Sein langes blondes Haar, ein bisschen wirr, nachdem der Wind schon einige Zeit damit spielte. Heute trug er nur eine einfache Tunika, aber damals war er festlich gekleidet gewesen. Er hatte einen langen blauen Wappenrock getragen – und einen schlichten Reif, der sein Haar zurückhielt.
    »Wie könnte ich Euch das verwehren, mein verschworener Ritter. Denn das seid Ihr doch noch, nicht wahr? Wie Ihr es damals versprochen habt … Wir haben es mit einem Kuss besiegelt.«
    Florís nahm Gerlin in die Arme. »Ich habe deinen ersten Kuss niemals vergessen«, sagte er sanft. »Und wenn ich morgen sterbe, so mit dem Gefühl seiner Süße auf meinen Lippen.«
    »Ich will nicht, dass du stirbst!«, flüsterte Gerlin dringlich. »Ich will dich behalten, du sollst leben, unsere

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