Das Erbe der Pilgerin
die Chance für einen weiteren Angriff. Florís wich ihm nach hinten aus – und stolperte über den Felsen. Erschöpft wie der Ritter war, gelang es ihm nicht, sich wieder zu fangen. Florís stürzte zu Boden, und Roland, der genau damit gerechnet hatte, erkannte die Gelegenheit sofort. Florís’ instinktive Abwehrbewegung mit erhobenem Arm nutzend, stieß er dem Ritter das Schwert in die ungeschützte Achsel. Florís’ Schwertarm erlahmte sofort. Roland trat ihm das Schwert aus der Hand und setzte zu einem weiteren Stoß an, um seine Kehle zu zerschmettern. Aber dann hörte er Hufschlag hinter sich und wandte sich um.
»Nein!«
Dietmar von Ornemünde schrie seine Verzweiflung und seine Wut heraus und ließ sein Pferd auf Roland zugaloppieren. Roland hielt ihm das Schwert entgegen.
Und nun schrien auch Gerlin und andere Ritter. Für die Zuschauer war der Ausgang klar: Roland würde der von oben geführten Lanze mühelos entgehen und Dietmars Pferd sein Schwert in den Leib stoßen. Wenn es dann fiel …
Im letzten Moment schien dies auch Dietmar aufzugehen. Er ließ den Hengst an Roland vorbeigaloppieren – wobei er sein erstes Ziel aber immerhin erreicht hatte. Der Lauensteiner war von Florís abgelenkt, er konzentrierte sich jetzt auf Dietmar, während die Herolde zu dem gefallenen Ritter eilten. Dietmar hielt den Lauensteiner Herold auf und glitt vom Pferd.
Gerlin stöhnte auf, als er sich Roland zum Schwertkampf stellte. Sie schwankte zwischen den Wünschen, zu ihrem schwer verletzten Mann zu eilen und ihren Sohn kämpfen zu sehen. Aber Rüdiger hätte ihr den Weg auf das Schlachtfeld ohnehin verwehrt. Er hatte seine Lanze jetzt ebenfalls eingelegt. Wenn Roland einen ähnlichen Trick mit Dietmar plante, würde er eingreifen.
Dietmar konnte seinen Kampf jedoch selbst ausfechten – zumal er es mit einem mehr als geschwächten Gegner zu tun hatte. Das fast einstündige Duell war auch an Roland nicht spurlos vorbeigegangen. Er kämpfte zwar nach wie vor mit dem Mut der Verzweiflung und unter Einsatz seiner immer noch beträchtlichen Körperkraft. Aber Dietmars schnellen Finten und Paraden war er nicht mehr gewachsen. Ein kräftiger Hieb des jungen Ritters gegen seinen Brustpanzer, nachdem Dietmar seine Deckung geschickt unterlaufen hatte, brachte ihn zu Fall.
Dietmar hielt Roland das Schwert an die Kehle.
Der hob die Hände. »F … freies Ge … Geleit?«, flüsterte er.
Dietmar zögerte. Dieser Mann war sein Erbfeind. Er hatte seinen Vater bedroht, ihn bestohlen und jetzt wohl seinen Pflegevater umgebracht. Aber er war auch der Vater von Sophia. Dietmar suchte hilfesuchend den Blick Rüdiger von Falkenbergs, aber die Augen des Ritters waren mitleidlos.
»Tust du’s jetzt, oder soll ich’s tun?«, fragte Rüdiger. »Oder lässt du Hansi den Vortritt? Ohne Roland wäre sein Bruder noch am Leben. Herr Conrad nimmt es dir auch gern ab. Seine Schwester war mit einem der Ritter verlobt, die der Kerl in einen Hinterhalt locken ließ. Oder die da …« Rüdiger wies auf eine kleine Gruppe, die Dietmar bislang noch nicht bemerkt hatte: Bauern und Handwerker aus der Ortschaft Lauenstein. »Die würden ihn nicht sehr ritterlich erledigen, aber dafür umso genüsslicher.«
»Aber … aber Sophia …« Dietmar schwankte nach wie vor.
In diesem Moment ritt Gerlin auf ihren Sohn zu, innerlich immer noch wie erstarrt. Sie ließ ihr Pferd einfach laufen, als sie abstieg, dann griff sie nach Florís’ Schwert. Es lag Roland näher als Florís, der Fußtritt des Ritters hatte es weit weggeschleudert. Gerlin dachte an die Heldin einer Dichtung, die sie einige Zeit zuvor mit ihren Freundinnen in Neuenwalde gelesen hatte. Am Ende nahm die Frau darin Rache für ihren Mann.
Gerlin hob das Schwert. »Ich tu’s für dich«, sagte sie ruhig und schob Dietmars Klinge beiseite. »Und für Dietrich, für Salomon und für Florís.«
Der junge Mann zog seine Waffe verblüfft zurück, während Roland meinte, seine letzte Chance zu sehen. Er griff nach dem Schwert, um es Gerlin zu entwinden. Aber Gerlin war schneller. Mit einer raschen Bewegung stieß sie zwischen Helm und Brustpanzer zu, die Klinge durchschnitt den Kettenschutz – und ein Schwall von Blut spritzte auf. Gerlin wich ihm nicht aus. Sie starrte Roland in die Augen, sah ihm beim Sterben zu.
»Ich habe Dietrich von Lauenstein nie betrogen«, sagte sie laut. »Ich habe ihn geliebt. Und nun tretet vor Euren Gott, Roland von Ornemünde, auf dass er sein Urteil
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