Das Erbe der Pilgerin
»Ich hab dem Kerl die Schulter durchbohrt. Wenn er’s überhaupt überlebt, wird er wochenlang kampfunfähig sein. Was bezweckt Roland damit, dass er seine Ritter verschleißt?«
Die Antwort darauf erhielten sie vier Wochen später, nachdem weitere drei Ritter auf der einen und vier auf der anderen Seite im Kampf ihr Leben verloren hatten. Die Raubritter im Rücken der Belagerer hatten derweil vier Bauernhöfe niedergebrannt. Bei Dietmar, Florís und Gerlin lagen die Nerven blank. Dann aber öffneten sich die Tore der Burg, und zwei Ritter näherten sich. Die Rüstungen poliert, Helmzier und Wappen gut sichtbar, die Lanzen quer über die Sättel gelegt.
»Unterhändler!«, meldete Hansi aufgeregt. »Der Saubär will verhandeln!«
»Kommt noch besser!«, meinte Rüdiger, als gleich darauf der dritte Ritter das Tor durchmaß. »Das ist Roland selbst. Also rasch, Herr Jean: Dietmar soll sich fertig machen, Florís und ich stellen ihm die Adjutanten. Alle anderen verfügbaren Ritter in einer Reihe dahinter. Und wenn’s dir nichts ausmacht – such dir einen gut versteckten Platz und sichere Dietmar mit dem Bogen.«
Hansi war beleidigt – Ritter sicherten einander nicht durch Heckenschützen –, sah dann aber die Notwendigkeit ein. Er verschanzte sich auf den Zinnen der Trutzburg, während die anderen davor aufmarschierten. Gerlin, die Verletzte versorgte, hockte sich aufgeregt neben ihn. Am liebsten wäre sie mit den Rittern hinausgeritten, aber Dietmar hatte seine Mutter mit dem Argument zurückgeschickt, dies würde man unter Männern ausmachen. Gerlin fügte sich mit nachsichtigem Lächeln – und war wieder einmal unsäglich stolz auf ihren Sohn und ihren Gatten, als beide aufrecht und selbstsicher den Feinden entgegenritten. Auf Dietmars Schild prangte das Wappen von Lauenstein – auf Rolands allerdings auch.
Florís achtete sorglich darauf, dass das Treffen nicht in Pfeilschussreichweite von Lauenstein stattfand. Rüdiger arrangierte unauffällig freie Schussbahn für Hansi.
Schließlich ritt Roland vor, ebenso Dietmar. Die Konkurrenten bauten sich voreinander auf und grüßten einander halbherzig.
»Was wollt Ihr?«, fragte Dietmar kurz.
Roland richtete sich auf. »Dies hier beenden!«, erklärte er und beschrieb mit einer Handbewegung den Auftrieb des Heeres und die Belagerung von Lauenstein.
Dietmar lachte. »Dazu braucht Ihr die Burg nur zu verlassen. Wir lassen Euch ziehen, Herr Roland, auch wenn es noch offene Rechnungen gibt. Freies Geleit für Euch und Eure Familie – und Beilegung der Fehde zwischen uns.«
Er schien noch mehr sagen zu wollen, aber Florís funkelte ihn an. Anscheinend waren die Ritter übereingekommen, das Thema Sophia nicht anzuschneiden. Das Angebot zur Beilegung der Fehde beinhaltete jedoch schon die Möglichkeit, Roland eines Tages als Brautwerber wieder vor Augen zu treten.
Roland lachte jetzt ebenfalls. »Es geht nicht darum, Euch meine Burg zu schenken, mein Herr Dietmar. Denn es ist keineswegs unumstritten, wer hier der rechtmäßige Erbe ist. Meine Verwandtschaft mit Dietrich von Lauenstein wurde nie infrage gestellt.«
Er grinste, als Dietmar reflexhaft nach seinem Schwert griff. Nach der Geburt des Jungen waren Stimmen laut geworden, die Gerlin des Ehebruchs mit Florís bezichtigten. Dietrich hatte Dietmars Legitimität allerdings noch auf dem Totenbett bestätigt. Es bestand keinerlei Zweifel an Dietmars Abstammung – wenn man nicht mehr als böswillig argumentierte.
Florís erhob die Stimme, bevor der junge Mann aufbrausen konnte. »Halten wir uns doch nicht mit Mutmaßungen und übler Nachrede auf«, meinte er gelassen. »Herr Dietmar steht mit einem Heer vor seiner Burg. Und Eure Ritter verlassen Euch in Scharen, weil ihr sie nicht füttern könnt. Also sagt, was Ihr wollt, Herr Roland, dann können wir darüber beraten.«
»Ich will ein Gottesurteil!«, sagte Roland feierlich. »Der Allmächtige soll entscheiden, wer der wahre Erbe ist.«
Unter Dietmars Rittern regte sich Gelächter.
»Über die Frage haben der Bischof von Mainz und der König des Heiligen Römischen Reiches bereits entschieden«, meinte Florís gelassen. »Gott ist nicht Euer Lehnsherr.«
»Ist Gott nicht unser aller Lehnsherr?«, fragte Roland salbungsvoll.
Rüdiger holte tief Luft. »Wie soll das Gottesurteil denn aussehen?«, fragte er dann kurz. »Also, wenn es darum geht, dass Ihr in einen Topf kochenden Wassers greift, um das Lauensteiner Siegel herauszuholen, sind wir
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