Das Erbe der Pilgerin
Kinder aufwachsen sehen. Sie standen immer im Schatten von Dietmar und Lauenstein.« Florís verschloss ihr die Lippen mit einem Kuss. Dann nickte er.
»Dietmar hatte ältere Rechte. Ich habe seinem Vater auf dem Totenbett versprochen, sein Erbe zu schützen. Aber jetzt wird sich alles ändern. Wir werden nach Loches zurückkehren. Wir werden zusehen, wie Richard sein Erbe antritt. Wir werden Isabelle verheiraten. Vertrau mir …«
Während er sie hielt, schienen die Sterne über ihnen zu tanzen, und plötzlich ergoss sich ein Regen aus Sternschnuppen über den klaren Himmel. Gerlin und Florís hielten sich an den Händen und blickten verwirrt in den Zauber der Nacht.
»Sieh nur, Geliebte«, sagte Florís zärtlich. »Gott schickt uns seinen Segen. Oder ist Frau Venus für die Sternschnuppen zuständig?«
Er lächelte, während Gerlin sich an dem Naturphänomen nicht sattsehen konnte. Was hätte Miriam von Wien wohl dazu gesagt? Ob die Astronomin wusste, was Sternschnuppen waren oder wer sie wirklich schickte?
»Wer auch immer im Himmel herrscht, Gerlin«, flüsterte Florís. »Heute lächelt er auf uns herab.«
Gerlin schmiegte sich in seine Arme, als gäbe es kein Morgen. Sie hätte ihm gern geglaubt, und sie hätte gern gebetet. Aber sie suchte vergeblich nach den richtigen Worten. Eines wusste sie schließlich seit einer anderen Nacht, der einzigen, die sie jemals mit Salomon von Kronach verbracht hatte: Wenn es ein falsches Lächeln gab, so war es das der Götter.
Gerlin und Florís liebten sich schließlich auf ihrem improvisierten Lager, und danach fand Florís endlich Schlaf. Gerlin lag noch lange neben ihm wach, lauschte auf seine Atemzüge und genoss die Wärme seines Körpers. Würden sie morgen auf Lauenstein das Bett teilen? Oder hielt sie Totenwache in einer kalten Kapelle?
Die jungen Ritter rissen sich am nächsten Morgen geradezu darum, Florís die Dienste eines Knappen zu leisten. Seine Rüstung glänzte, als sie ihm schließlich aufs Pferd halfen. Rüdiger hatte seine Lanze aufs Sorgfältigste überprüft. An diesem Tag durfte der Schaft nicht brüchig sein, die Ritter würden mit aller Härte gegeneinander anreiten. Es durfte nicht sein, dass dann die Lanze brach. Hansi hatte Florís’ Schwert geschärft. Stillschweigend leisteten die Ritter all diese Dienste auch noch einmal für Dietmar.
Rüdiger holte schließlich Gerlin aus ihrer improvisierten Kemenate. Sie hatte sich allein festlich hergerichtet, was sie nicht gewohnt war – zumal ohne Spiegel und mit dem Mindestmaß an Kleidern und Schmuck, der sich in der Trutzburg fand. Immerhin war das weiße Kleid noch da, in dem Gerlin zu Beginn der Belagerung aufgetreten war, und sie hatte die Armreifen, die Dietrich ihr so viele Jahre zuvor zum Willkommen auf Lauenstein geschenkt hatte. Gerlin wünschte sich verzweifelt, sie hätte dieses Abenteuer nie begonnen.
»Wird er siegen?«, fragte sie ihren Bruder erstickt.
Rüdiger zuckte die Achseln. »Roland von Ornemünde zu Lauenstein wird heute sterben«, sagte er ruhig. »Das ist sicher. Aber von wessen Hand … und wen er mit in den Tod reißt … Florís ist stark, Gerlin, du musst Vertrauen haben.«
Gerlin trat an Florís heran und gab ihm ihr Zeichen, bevor sie ihr eigenes Pferd bestieg. Er küsste sie noch einmal, nachdem er die Bänder von ihrem Kleid an seiner Lanze befestigt hatte – eines schob er unter die Rüstung nah an sein Herz.
»Wir sehen uns nach dem Kampf«, sagte er.
»Ich bin bei dir«, versprach Gerlin. »Auf ewig. Ich werde dir niemals fern sein.«
Auf dem Ausguck der Trutzburg blies nun jemand in sein Horn. Die Wache meldete Roland von Ornemünde und seine Ritter. In feierlichem Zug verließen sie die Burg.
»Ist Luitgart bei ihnen?«, fragte Gerlin, als auch sie sich jetzt in Bewegung setzten.
Hansi, der rasch noch Ausschau gehalten hatte, schüttelte den Kopf. »Nein. Und auch das Mädel nicht. Wenn das mal keine Enttäuschung gibt heut Nacht für den Herrn Dietmar …«
Rüdiger und Hansi vertraten seit Langem die Ansicht, Sophia von Ornemünde befände sich gar nicht in der belagerten Burg. Gerlin war das zurzeit gänzlich gleichgültig. Wie in Trance ritt sie in zweiter Reihe neben ihrem Sohn und ihrem Bruder. Florís führte das kleine Heer an.
Aber außer den Rittern beider Seiten schien es noch weitere Zuschauer zu geben. Irgendjemand musste Boten nach Neuenwalde gesandt haben, die Nachricht vom bevorstehenden Zweikampf hatte sich wohl in Windeseile
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