Das Erbe des Atoms
Chance. Aber bevor sie nachgab, war noch etwas zu klären; etwas überaus Wichtiges.
»Clane, ist dein Endziel die Oberherrschaft?«
»Nein.«
Seine Antwort kam zu prompt. Lydia glaubte ihm nicht. Sie war überzeugt, daß er log. Aber dann war sie froh darüber, denn in einem Sinne hatte er sich mit dieser Auskunft gebunden. Ihre Gedanken durchmaßen alle Möglichkeiten der Situation, kehrten zur nüchternen Notwendigkeit des Augenblicks zurück.
»Also gut«, sagte sie, und es war wenig mehr als ein Seufzen, »ich nehme an.«
Erst als sie das Haus verließ, traf sie der Gedanke, daß sie jetzt in genau der Position war, die ihr toter Mann ihr zu ihrer eigenen Sicherheit empfohlen hatte.
So spät kamen die Tränen und die Erkenntnis ihres großen Verlustes.
14.
In hohen Regierungskreisen und beim Militär wurden die langwierigen und hartnäckigen Kämpfe mit den venusischen Stämmen der drei zentralen Inselkontinente bei ihrem richtigen Namen genannt: Krieg. Zu Propagandazwecken wurde bei jeder Gelegenheit das Wort »Rebellion« hervorgekehrt. Es war eine notwendige Illusion. Der Gegner kämpfte mit der verzweifelten Wildheit eines Volkes, das Fremdherrschaft und Sklaverei kennengelernt hatte. Um auch die Soldaten der Invasionseinheiten auf eine ähnliche Tonlage von Wut und Haß einzustimmen, gab es nichts Geeigneteres als Bezeichnungen wie »Rebellen« und »Terroristen«, verbunden mit der passenden Propaganda.
Prinz Jerrin, ein außerordentlich fairer Mann, der einen kühnen und findigen Gegner bewunderte, kannte die Stimmung unter den Soldaten, die zum Teil seit Jahren in den heißen Sümpfen und Marschländern lagen, den Gefahren eines fremden Planeten ausgesetzt; und so machte er keinen Versuch, das falsche, von Propagandalügen verzerrte Feindbild richtigzustellen. Er erkannte, daß er und seinesgleichen die Unterdrücker waren, und zuweilen machte es ihn körperlich krank, daß so viele Männer sterben mußten, nur um eine Fortdauer der Unterdrückung zu erzwingen. Aber er erkannte auch, daß es für ihn keine Alternative gab.
Die Venusier – ebenso wie die Marsianer Abkömmlinge früher Siedler von der Erde – waren ein freiheitsliebendes Volk, das in jahrtausendelanger Isolation seine eigene Identität gefunden hatte und die Bevormundung und Knechtschaft durch das Imperium verabscheute. Die zwei Völker hatten einander seit dreihundertfünfzig Jahren bekämpft, aber die Unterwerfung der wichtigsten Inselkontinente war den Truppen des Imperiums erst vor einigen vierzig Jahren gelungen.
Daraufhin hatte jahrelang relative Ruhe geherrscht – bis die Venusier plötzlich in einer organisierten Erhebung die wichtigsten Städte der fünf Hauptinseln befreiten, und die Entdeckung machten, daß die Besatzungsmacht scharfsinniger gewesen war, als sie gedacht hatten. Von Agenten vor dem bevorstehenden Aufstand gewarnt, hatte sie ihre auf Hunderte von kleinen Garnisonen verteilten Truppen in einer geschickten Nacht- und Nebel-Aktion abgezogen und an wenigen strategischen Punkten für den Gegenschlag gesammelt. Als die Venusier diese inzwischen befestigten Feldlager angriffen, war es für Überraschungserfolge zu spät. Die in die Defensive gedrängten Unterdrücker behaupteten ihre Stellungen und warteten Verstärkungen von der Erde ab, um dann zum Angriff überzugehen. Was als ein schnelles und totales Überrumpelungsmanöver gedacht gewesen war, entwickelte sich zu einem langwierigen, verlustreichen und zermürbenden Krieg. Und seit langem kämpften die Venusier mit dem deprimierenden Bewußtsein, daß sie nicht gewinnen konnten.
Auf der anderen Seite war die Situation viel verwickelter, als es auf den ersten Blick schien. Vor etwa sechs Monaten hatte der Thronberater Tews von einem bevorstehenden militärischen Triumph Jerrins erfahren. Er verstand nur zu gut, wie ein so schneller Sieg auf die Emotionen der Öffentlichkeit wirken würde. Seine eigenen liberalen Pläne, die unbestimmter geworden waren, obwohl er sich weiterhin sagte, daß er sie verwirklichen wolle, konnten durch einen raschen militärischen Erfolg in Gefahr kommen. Nach langem Überlegen exhumierte er ein zwölf Monate altes Ansuchen um Verstärkungen von Jerrin. Damals hatte Tews es aus den erwähnten Gründen für verkehrt gehalten, den venusischen Krieg zu einem raschen Ende zu bringen, doch nun ließ sich etwas aus der Sache machen. Mit einer großen öffentlichen Schaustellung von Sorge um Jerrin trug er das alte
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