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Das Flammende Kreuz

Titel: Das Flammende Kreuz Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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ansehen, dass er nichts von Roger gehört hatte; er blickte mir ins Gesicht und sah seinerseits die Antwort auf seine Frage darin. Er ließ entmutigt die Schultern sinken, dann richtete er sich gerade auf.
    »Ich gehe und suche das Feld ab«, sagte er leise zu mir. »Ich habe bereits alle Kompanien benachrichtigt. Wenn er irgendwo gefunden wird, wird man uns benachrichtigen.«
    »Ich gehe mit dir.« Schon zog sich Brianna ihre schmutzige Schürze aus und ballte sie zusammen.
    Jamie sah sie an, dann nickte er.
    »Aye, ja, natürlich. Nur eine Minute - ich hole Josh, damit er deiner Mutter hilft.«
    »Ich mache - mache die Pferde fertig.« Ihre Bewegungen waren schnell und ruckartig und ließen ihre übliche, athletische Eleganz vermissen. Sie ließ die Wasserflasche fallen, die sie in der Hand hatte, und sie brauchte mehrere Versuche, um sie wieder aufzuheben. Ich nahm sie ihr ab, bevor sie sie erneut fallen lassen konnte, und drückte ihr fest die Hand.
    Ihr Mundwinkel zuckte, als sie mich ansah; ich ging davon aus, dass es ein Lächeln sein sollte.
    »Ihm ist nichts zugestoßen«, sagte sie. »Wir finden ihn schon.«
    »Ja«, sagte ich und ließ ihre Hand los. »Ich weiß.«

    Ich sah zu, wie sie über die Lichtung eilte, die Hände in ihren gerafften Röcken geballt, und spürte, wie sich das Gewicht meiner Angst löste und wie ein Stein in meinem Bauch versank.

68
    Die Vollstreckung
    Roger kam langsam zu sich und spürte einen dröhnenden Schmerz und furchtbare Unruhe. Er hatte keine Ahnung, wo er war oder wie er dort hingekommen war, aber er hörte Stimmen, ein Gewirr von Stimmen, von denen sich einige so unterhielten, dass sich ihre Worte ganz knapp seinem Verständnis entzogen, und andere in schrillen Dissonanzen sangen wie die Harpyien. Im ersten Moment hatte er das Gefühl, die Stimmen befänden sich in seinem Kopf. Er konnte sie sehen, kleine, braune Gestalten mit Lederflügeln und scharfen Zähnen, die so heftig aufeinander prallten, dass hinter seinen Augen kleine Lichterbomben explodierten.
    Er konnte die Naht spüren, an der sich sein Kopf gleich unter dem Druck spalten würde, ein brennender Streifen, der über die Oberseite seines Schädels lief. Er wünschte, es würde jemand kommen und sie aufreißen, um die fliegenden Stimmen und das ganze Getöse ins Freie zu lassen, bis sein Schädel nur noch eine leere Schale aus glänzendem Knochenmaterial war.
    Ihm war nicht bewusst, dass er die Augen offen hatte, und er starrte einige Minuten dumpf vor sich hin, weil er glaubte, die Szene, die er vor sich sah, sei immer noch Teil des Tohuwabohus in seinem Schädel. Vor ihm schwärmte eine farbige Menschenmasse umher, wirbelnde Blau-, Rot- und Gelbtöne vermischt mit grünen und braunen Klecksen.
    Ein Defekt seines Sehvermögens raubte ihm das Gefühl für Perspektive und führte dazu, dass er sie nur als Bruchstücke sah - ein Gewimmel von Köpfen, das wie ein Haufen behaarter Ballons umherschwebte, ein wedelnder Arm, der ein knallrotes Banner trug und von seinem Körper abgetrennt zu sein schien. Mehrere Beinpaare, die dicht in seiner Nähe stehen mussten... saß er vielleicht auf dem Boden? Ja. Eine Fliege dröhnte an seinem Ohr vorbei und landete summend auf seiner Oberlippe. Er bewegte sich automatisch, um sie zu erschlagen, und erst jetzt wurde ihm klar, dass er in der Tat wach war - und dass er nach wie vor gefesselt war.
    Seine Hände waren so taub, dass er dort nichts mehr spürte, doch der Schmerz pulsierte jetzt durch seine überanstrengten Arm- und Schultermuskeln. Er schüttelte den Kopf, um ihn frei zu bekommen, ein schrecklicher
Fehler. Ein blendender Schmerz fuhr ihm durch den Schädel, bis ihm das Wasser in den Augen stand.
    Er kniff die Augen fest zu und zwang sich unter tiefem Durchatmen, sich an irgendeinen Fetzen der Realität zu klammern und zu sich zu kommen. Konzentration , dachte er. Reiß . Die singenden Stimmen waren allmählich verstummt, und nur ein schwaches Summen in seinen Ohren war geblieben. Doch die anderen redeten immer noch, und jetzt, da er wusste, dass ihr Klang real war, gelang es ihm, hier und dort ein Wort herauszupicken und es zuckend festzunageln, um es auf seine Bedeutung hin zu untersuchen.
    »Exempel.«
    »Gouverneur.«
    »Seil.«
    »Pisse.«
    »Regulatoren.«
    »Eintopf.«
    »Fuß.«
    »Hängen.«
    »Hillsborough.«
    »Wasser.«
    »Wasser.« Dieses Wort ergab einen Sinn. Er wusste, was Wasser war. Er hätte gern Wasser gehabt, furchtbar gern sogar. Seine Kehle

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