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Das Gesetz Der Woelfe

Titel: Das Gesetz Der Woelfe Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Veronika Rusch
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und ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe durch den niedrigen Raum gleiten. Er versuchte, Spuren zu finden, Zeugnisse der Qualen, des Entsetzens, der Todesangst. Etwas von dem, was sich hier abgespielt hatte, musste doch geblieben sein, musste sich eingegraben haben in die brüchigen Wände, von denen die Wurzeln der Grasnarben wie Spinnennetze herabhingen. Doch es war nichts da. Nichts als der Geruch nach Grab und Tod. Filippo kniete sich nieder, legte die Hände auf den festgestampften Boden und kratzte ein wenig von der Erde ab, so wie er es damals gemacht hatte, immer und immer wieder, bis ihm die Fingerkuppen geblutet hatten. Und dann, wie aus einem Reflex heraus, legte er sich hin, bettete seinen Kopf auf die kühle, unebene Erde und schloss die Augen.
    Er hielt die Augen fest geschlossen. Er wollte sie nicht öffnen, denn er wusste, es würde nichts ändern. Die Finsternis war undurchdringlich, es machte keinen Unterschied, ob die Augen geöffnet waren oder nicht. Und doch war es etwas völlig anderes, mit geöffneten Augen in die Dunkelheit zu starren, ohne zu wissen, ob es Tag oder Nacht war, ob dabei eine Stunde verging oder ein ganzer Tag. Verzweifelt zu versuchen, die Schwärze zu durchdringen, mit weit aufgerissenen blinden Augen. Zu starren, ohne zu blinzeln, bis ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Er konnte sie nicht wegwischen, also liefen sie hinunter in seine Mundwinkel. Er schmeckte das Salz und den Schmutz. Am Anfang hatte er die Augen immer offen gehalten, denn er hatte Angst gehabt einzuschlafen. Jetzt war er froh, wenn er schlief. Er wollte nicht mehr aufwachen, und er wollte nicht sehen, dass er nichts sehen konnte. Seine Arme und Beine spürte er nicht mehr, und dass seine Hose nass war und stank vom Urin und Kot, interessierte ihn nicht. Er hatte keine Schmerzen mehr und fror auch nicht mehr, er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wann sie ihm das letzte Mal etwas zu essen gebracht hatten. Eine Suppe war es wohl gewesen, Gemüsesuppe. Er hatte das Gemüse noch eine Weile im Mund behalten, als sie längst wieder weg waren, und daran gelutscht. Dabei hatte er sich verschluckt und gehustet, bis er würgen musste und die Suppe wieder auskotzte. Jetzt war sein Mund trocken, und er hatte Durst. Der Durst war das Einzige, was ihm noch Schmerzen bereitete. Der Durst und die Bilder. Sie kamen und gingen, ohne dass er es kontrollieren konnte, ohne dass er wusste, ob er wach war oder schlief. Immer wieder sah er das Bild seiner Mutter, und er wusste nicht, ob es nur die Erinnerung an das Foto war, das er in seinem Zimmer stehen hatte, oder ob er sich tatsächlich an sie erinnerte. Früher, vorher, hatte er nie ihr Gesicht gesehen. Obwohl er es sich oft gewünscht hatte. Doch es gab keine Erinnerung an sie. Keine Träume. Bis jetzt. Jetzt stand sie immer wieder neben ihm, und er konnte ihre Hand spüren, wie sie ihm den Kopf streichelte. Er sah ihr Gesicht im Dunkeln leuchten, hübsch und jung und mit glänzenden hellen Haaren. Und dann sah er sie tot. Stumm und tot wie seinen Vater. Vielleicht würde er auch bald sterben, und seine Eltern würden kommen und ihn abholen, und dann würde er sie alle wiedersehen … Er schüttelte schwach den Kopf. Solche Gedanken waren schlecht. Sie führten dazu, dass er sich wünschte zu sterben, und das durfte er nicht. Er durfte seine Großmutter nicht allein lassen. Er war alles, was sie noch hatte, und ihr zuliebe musste er am Leben bleiben. Wenn sie ihn ließen.
    Sie hatten ihn in die Berge gebracht. Obwohl der Junge davon wenig mitbekommen hatte, wusste er es. Es gab genügend Verstecke für Geiseln dort oben. Und er hatte die raue, kalte Luft wahrgenommen, sie roch nicht nach Meer wie unten in San Sebastiano. Das Meer, das nur wenige Kilometer entfernt war, war so fern wie der Mond. Hier oben gab es nur Steine und Stille. Sie hatten ihm die Augenbinde abgenommen und den Knebel und nur die Fesseln an Armen und Beinen gelassen. Das bedeutete, dass sie keine Angst davor hatten, dass jemand sein Schreien hören würde oder dass er den Ort wiedererkennen könnte. Er war allein. Irgendwo dort oben in den kahlen Bergen des Aspromonte, wo schon viele Entführte wie er in einem Erdloch gelegen hatten und nie wieder aufgetaucht waren. Würden sie ihn töten oder einfach nur verhungern und verdursten lassen? Bis jetzt war immer noch jemand gekommen, auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, wann es zuletzt der Fall gewesen war.
    Er fühlte, wie etwas

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