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Das Gesetz Der Woelfe

Titel: Das Gesetz Der Woelfe Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Veronika Rusch
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wirkten wie moderne Skulpturen entlang der breiten, vom Feierabendverkehr verstopften Straße. In der Ferne, im abendlichen Dunst leuchteten die Fassaden der Wohnblocks orange im Licht der tief stehenden Sonne. Clara ging lustlos weiter und bog dann in die ruhige Seitenstraße ab, die zur Bushaltestelle führte. Sie bemerkte nicht das Motorrad, das bereits seit einer Weile in einiger Entfernung hinter ihr hergefahren war und jetzt ebenfalls abbog und dann stehenblieb. Sie drückte die Zigarette mit der Schuhspitze aus und steckte die Schachtel zurück in ihre Tasche. Dann nahm sie ihren Geldbeutel heraus, in dem ihre Monatsfahrkarte steckte. In dem Moment fiel ihr Blick auf das Motorrad, und irgendetwas ließ sie innehalten und einen zweiten Blick darauf werfen. Es stand etwa fünfzig Meter von ihr entfernt mit laufendem Motor am Straßenrand, und der Fahrer schien auf etwas zu warten. Er trug eine dunkle Lederjacke und einen schwarzen Helm mit getöntem Visier. In dem Moment, in dem von der anderen Seite der Bus um die Ecke bog, fuhr er an. Er fuhr direkt auf Clara zu, die wie gebannt und ohne zu reagieren, auf dem Bürgersteig stand und ihn ansah. Sie hätte nur einen Schritt zurücktreten müssen. Nur einen einzigen Schritt. Aber sie tat es nicht. Das Motorrad fuhr so dicht an ihr vorbei, dass Clara die Wärme des Motors spürte, als der Fahrer sich herüberbeugte, eine Hand ausstreckte und versuchte, ihr die Tasche von der Schulter zu reißen. Sie schrie auf und sprang endlich zurück, den Riemen der Tasche fest umklammert. Doch der Fahrer ließ nicht gleich los, und der heftige Ruck ließ Clara stürzen. Sie fiel auf die Knie, und ein heftiger Schmerz durchzuckte ihr linkes Bein. Noch immer hielt sie ihre Tasche umklammert. »Nein!«, schrie sie. »Nein!« Der Fahrer ließ los, wendete seine Maschine und fuhr mit aufheulendem Motor davon. Alles ging so schnell, dass er bereits verschwunden war, als die ersten Passanten, die aufmerksam geworden waren, Clara erreicht hatten. Clara richtete sich mühsam auf. Ihre Hose war schmutzig, und an den Knien sickerte Blut durch den weißen Stoff.
    »Sind Sie verletzt?«
    »Haben Sie sich das Kennzeichen gemerkt?«
    »Die werden doch immer dreister.«
    Stimmen wirbelten um sie herum, während sie hilfreiche Hände stützten und Taschentücher reichten. Der Bus war vor ihnen stehen geblieben und wartete.
    »Es geht mir gut, danke. Nein, ich habe mir das Kennzeichen nicht gemerkt.« Claras Stimme zitterte von dem Schreck, aber außer den Schürfwunden an den Knien war sie nicht weiter verletzt. Verwirrt nahm sie eine Visitenkarte entgegen, die ihr ein Mann in die Hand drückte: »Für den Fall dass Sie einen Zeugen brauchen.« Ein älterer Herr mit einem Rauhaardackel auf dem Arm sah sie besorgt an: »Da hätte ganz schön was passieren können, junge Frau.« Junge Frau? Danke für das Kompliment, dachte Clara erschöpft und nickte: »Ich weiß.«
    »Wegen einer Tasche«, fügte eine Frau mit einem forstgrünen Trachtenhut vorwurfsvoll hinzu. »Das ist es doch nicht wert. Sie hätten diese Tasche loslassen sollen. Der hätte sie ja sonst wohin mitschleifen können.«
    Clara warf einen nachdenklichen Blick auf die staubige Umhängetasche, die sie so erfolgreich verteidigt hatte. Die Frau hatte natürlich recht. Sie hätte loslassen müssen. Zumal nicht einmal der Geldbeutel in der Tasche gewesen war. Clara blickte sich suchend um. Er lag ein paar Meter von ihr entfernt im Rinnstein. Dort hatte sie ihn fallengelassen. Jemand hob ihn auf und reichte ihn Clara. Sie bedankte sich und stieg dann vorsichtig, mit schmerzenden Knien in den Bus. Aufatmend ließ sie sich auf den vordersten Sitz fallen und warf noch einen Blick hinaus, wo das aufgeregte Grüppchen Passanten weiter debattierte und die Verrohung der Sitten beklagte. Clara hielt ihre Tasche fest umklammert auf ihrem Schoß und musste trotz ihres Schocks lächeln. Sie wusste ganz genau, weshalb sie die Tasche nicht losgelassen hatte. Für sie stand fest, dass der Motorradfahrer Gaetano Barletta gewesen war, auch wenn sie ihn nicht erkannt hatte, und ihm hatte sie die Tasche mit den Prozessunterlagen, mit Malafontes Akte und Moros Aussage auf keinen Fall überlassen wollen.
     
    Als Clara ins Büro kam, war es kurz nach sechs, und die Kanzlei war dunkel. An der Scheibe klemmte ein Zettel: War noch kurz Gassi mit Elise, sie ist jetzt bei Rita, musste pünktlich los, bis morgen, Linda . Clara sperrte trotzdem noch einmal auf und

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