Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
und er lauschte ihren Stimmen, ihrem gurgelnden und plätschernden Gesang, der ihn beruhigte und ihm ein wenig Zuversicht zurückgab. Es muss nicht so kommen , hielt er sich vor Augen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie ihm Trugbilder gezeigt hatte. Vielleicht war es etwas, das nur dann passieren würde, wenn er die falschen Entscheidungen traf. Er schloss für einen Augenblick die Lider. Gott, lehr mich Weisheit. Ich weiß, Widukind sagt, es ist Demut, um die ich beten muss, weil es mir an ihr vor allem mangelt. Aber jetzt ist es Weisheit, die ich brauche, Gott.
Er öffnete die Augen und ließ die Fäuste sinken. »Warum hast du mich gesucht?«
»Vater Widukind ist zurückgekommen. Oder Bischof Widukind, sollte ich natürlich sagen. Unversehrt und mit Neuigkeiten, die er aber natürlich dir zuerst vortragen will. Weil wir uns alle fast vor Angst bepinkeln, was seine Neuigkeiten angeht, haben wir uns gedacht, wir holen dich nach Hause, damit wir’s so bald wie möglich hinter uns haben.«
»Gott sei mit dir, Tugomir.«
»Und gepriesen dafür, dass er dich zu uns zurückgeführt hat.«
Sie umfassten einander an den Unterarmen.
»Bist du krank?«, fragte Widukind stirnrunzelnd.
Tugomir ließ ihn los und winkte ab. Er setzte sich auf den Fürstenthron und lud Widukind mit einer Geste ein, zu seiner Linken auf der Priesterbank Platz zu nehmen.
Dervan brachte ihnen Met. Tugomir wartete, bis der junge Mann gegangen war. Er hatte alle aus der Halle verbannt. Als sie schließlich allein waren, wappnete er sich. »Also?«
Widukind sah ihm in die Augen und nickte. »Er wird sich den Wünschen des Königs fügen.«
Tugomir atmete tief durch. »Aber die Tatsache, dass du fast einen halben Monat gebraucht hast, um mir diese Nachricht zu bringen, lässt mich ahnen, dass du ihn überzeugen musstest und er sich nicht gerade frohen Herzens fügt?«
Widukind hob ergeben beide Hände. »Ja, Markgraf Gero ist wahrhaftig ein harter Brocken.«
Zuerst war er gar nicht dort gewesen, als Widukind in Meißen eintraf, denn Gero war mit seinen verbliebenen Truppen nach Norden geeilt, um die Obodriten zurückzuschlagen.
»Aber sein Beichtvater war dort, Vater Arnulf von Regensburg, mit dem ich zusammen auf der Domschule war. Ich habe Arnulf berichtet, was mich nach Meißen führte, und er hat es Gräfin Judith erzählt, die daraufhin merklich kühler wurde. Und sie hatte unverkennbar Angst, ihr Gemahl werde sie dafür büßen lassen, dass sie mich höflich aufgenommen hatte. So warteten wir fünf Tage in zunehmender Anspannung, bis der Markgraf schließlich heimkehrte. Staubig, sattelwund und nicht besonders siegreich.« Widukind hob seinen Becher, und fast war es, als verstecke er ein boshaftes Lächeln darin. »Wir müssen den Obodriten beinah dankbar sein, mein Freund. Sie haben ihm schwer zugesetzt. Die Verluste bei der Schlacht an der Elde waren hoch, und er hat einfach nicht mehr genügend Männer, um seine Schreckensherrschaft über die slawischen Völker aufrechtzuerhalten.«
»Gut«, sagte Tugomir mit Befriedigung.
»Hm.« Widukind wiegte den Kopf hin und her. »Auch die Milzener, die Marzanen und so weiter haben natürlich vom Sieg der Obodriten gehört und wollen die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, sich von der sächsischen Herrschaft zu befreien. Es hat Überfälle auf Geros Vasallen gegeben, die jetzt ihrerseits von Gero mehr Schutz und Soldaten fordern. Soldaten, die er nicht hat. Und während Gero die Macht über seine Mark zwischen den Fingern zerrinnt, haben die Obodriten die Elbe überschritten und sind in Sachsen eingefallen.«
Alles, was Widukind berichtete, war Musik in Tugomirs Ohren. Und dennoch kam er nicht umhin zu sagen: »Wenn Otto das erfährt, wird er seinen Krieg gegen Henning und Giselbert aufgeben und nach Sachsen zurückkehren. Dann könnte Hennings Wunsch nach der Krone sich doch noch erfüllen.«
Widukind nickte. »Gero ist sich sehr wohl bewusst, dass er den König im Stich gelassen hat. Statt ihm im Osten den Rücken freizuhalten, hat er die Obodriten in die Revolte getrieben. Darum hat er mich vielleicht bereitwilliger angehört, als er es normalerweise getan hätte. Wie der König vorausgesehen hat, hat er der Gründung des Bistums nicht widersprochen. Es gefällt ihm nicht, dass er seinen Einfluss im Havelland aufgeben muss, aber Gero ist ein sehr frommer Mann. Ich habe ihm gesagt, dass manche seiner Vasallen ihre Lehen verlieren werden, weil ich die Ländereien anderweitig
Weitere Kostenlose Bücher