Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
Ludmilla«, bat sie eine der daleminzischen Sklavinnen. Genau wie ihre Schwester kannte Egvina die meisten Wachen und Diener mit Namen.
»Da fällt mir ein, ich habe meinen Jüngsten mit hergebracht«, sagte Siegfried. »Dietmar. Er soll Priester werden, und Otto schlug mir neulich vor, ich solle ihn herbringen. Er könne zusammen mit Wilhelm unterrichtet werden.«
»Mein weitsichtiger Bruder«, bemerkte Thankmar. »Die Kirchenfürsten von morgen sollen frühe Bande knüpfen.«
»Nun, die Idee ist nicht dumm«, befand Egvina.
Tugomir stand auf und bot ihr seinen Platz an.
»Unsinn«, wehrte sie ab. »Bleib, die Bank ist schließlich lang genug.«
Doch er schüttelte den Kopf. »Ich habe noch ein paar Kranke zu besuchen.« Er nickte Siegfried knapp zu und würdigte Gero keines Blickes.
Doch die Krankenbesuche waren eine Ausrede. Er wollte dieser Situation entkommen, nicht länger Geros Gehässigkeiten über die Slawen anhören oder sein Gesicht sehen müssen. Er nahm seine beiden Schützlinge mit hinaus und führte sie zu ihrer Kammer, wo die Amme sie erwartete. Ihr trug er auf, die Jungen rechtzeitig zur Vesper in die Pfalzkapelle zu bringen, und dann überquerte Tugomir mit langen Schritten den von Pfützen übersäten Innenhof, umrundete das Backhaus und die Schmiede und gelangte schließlich zu der Wiese mit dem Fischteich. Er betrat sein Refugium, schloss die Tür und nahm den triefenden Umhang ab.
»Du meine Güte, bist du in den Fluss gefallen?«, fragte Rada. Sie stand am Feuer über einen kleinen Kessel gebeugt, in dem sie emsig rührte.
»Nicht so wild«, mahnte er, trat zu ihr und nahm ihr den Holzlöffel aus der Hand. »Du jagst ja alle guten Geister aus den Kräutern …« Er ließ die blubbernde Flüssigkeit zur Ruhe kommen, schöpfte einen Löffel heraus und schnupperte. »Es ist fertig. Nimm es vom Feuer und lass es abkühlen.«
Rada griff nach einem gefalteten Leinentuch, um ihre Hände vor der Hitze zu schützen, und hob den Kessel vom Haken. Dann nahm sie Tugomir den nassen Mantel aus den Händen. »Setz dich ans Feuer und trockne.« Sie hing seinen Umhang an einen Haken hinter der Tür.
Tugomir ließ sich auf dem Schemel nieder, der dem Herd am nächsten stand, lehnte den Rücken an die Wand und streckte die Beine Richtung Feuer aus. Die Wärme war himmlisch.
Es war nicht mehr das jämmerliche Grubenhaus von einst, das Tugomir bewohnte. Erkläre den Zimmerleuten, was du brauchst, und sie sollen es dir bauen , hatte Otto gesagt, und so hatte Tugomir ein Haus bekommen, das genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war: Der große Hauptraum mit dem Herd war sein Wohngemach, sein Arbeits- und Behandlungsraum. Auf Holzborden entlang zweien der Wände reihten sich die Tongefäße mit seinen Salben und Arzneien. Ein solide gezimmertes Bett mit Strohmatratze, Woll- und Felldecken stand in der hinteren linken Ecke, ein großer, massiver Tisch mit ein paar Schemeln rechts der Feuerstelle. Gewebte Wandbehänge schützten vor der Zugluft, und der Sandbelag, der nach slawischer Sitte die Holzdielen bedeckte, war frisch. Es war ein ebenso behaglicher wie zweckdienlicher Raum, und Tugomir verspürte immer Erleichterung, wenn er ihn betrat. Innerhalb dieser vier Bretterwände war die Welt wenigstens halbwegs so, wie sie sein sollte und wie er sie begreifen konnte.
Rada ging in den angrenzenden Lagerraum, wo sie ihre Schlafstatt hatte und wo die Kräutervorräte ebenso verwahrt wurden wie die Lebensmittel. Draußen war der Stall angebaut, in dem sie ein bisschen eigenes Vieh hielten, und in dem rechten Winkel zwischen Haus und Stall lag eine kleine, abgeschiedene Wiese, wo Tugomir im Sommer sitzen und unbehelligt die Sterne betrachten konnte.
Rada kam mit einem handtellergroßen Brotfladen zurück. »Hier, mein Prinz. Ganz frisch.«
»Danke.« Tugomir nahm den duftenden, noch warmen Fladen und biss genüsslich ab. »Hm. Wunderbar.«
»Ich hab sie so gebacken, wie meine Mutter es mir beigebracht hat«, sagte sie.
Seit Radas Ankunft in seinem Haus nahm Tugomir nur noch selten an den Mahlzeiten in der Halle teil, denn das Mädchen war eine hervorragende Köchin und bereitete typisch slawische Speisen, die ihm besser schmeckten als alle Köstlichkeiten, die an Ottos Tafel aufgetischt wurden.
»Schmeckt wie ein Stück Zuhause«, versicherte Tugomir und lächelte ihr zu. Rada schoss das Blut in die Wangen, und sie wandte den Kopf ab.
Sie war genau wie Semela eines der Daleminzerkinder gewesen, die
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