Das Kabul-Komplott - Bannel, C: Kabul-Komplott
von wem ich spreche?«
»Ich denke schon«, antwortete der Afghane vorsichtig, ebenfalls auf Deutsch.
»Unsere gemeinsamen Freunde haben mir voller Wohlwollen von Ihnen erzählt. Ich bin gerade in Kabul angekommen und glaube, wir könnten gemeinsam einige interessante Dinge auf die Beine stellen. Wäre es Ihnen möglich, mich heute zu treffen?«
»Selbstverständlich«, erwiderte der Polizist, ohne zu zögern. »Wir können uns in einem Guest House treffen.«
»Mir wäre ein ruhigerer Ort lieber. Ohne Westler.«
»Dann lassen Sie uns im Stadtzentrum treffen. Sie wissen, wo das Kommissariat ist? Gehen Sie noch zwei Blocks weiter, dann sehen Sie auf der Charahi Ansari ein Café, es heißt Kabul & Kandahar.«
»Treffen wir uns dort in einer halben Stunde.«
Joseph legte auf. Niemals würde der Maulwurf erfahren, dass er gar nicht dem deutschen Geheimdienst angehörte. Diese Irreführung war nur möglich, weil die einzelnen Geheimdienste sich voneinander abschotteten; für die Firma war sie notwendig und üblich, da sie über kein eigenes Netz von Informanten verfügte. Joseph zog sich rasch an, beigefarbene Cargohosen und eine Jacke von derselben Farbe, ein weißes Hemd, blaue Krawatte, halbhohe Schuhe. Über einer Stuhllehne hingen mehrere Holster mit automatischen Schusswaffen, die er sorgfältig anlegte – an Hüfte, Schulter und rechtem Knöchel –, um daraufhin das Ganze mit einer Stichwaffe am Handgelenk zu vervollständigen. Zum Schluss zog er seinen Steppanorak über und setzte einen
Pakol
auf den kurzrasierten Schädel. Im Treppenhaus war es eiskalt, es roch stark nach Putzmitteln. Vor der Tür wartete ein Geländewagen mit leise brummendem Motor; Amin, einer der von ihm favorisierten K-Männer saß am Steuer.
»Ins Büro?«
»Nein. Fahr zum Zentralkommissariat.«
Sie hielten am Checkpoint der Sicherheitszone an, die von nervösen Soldaten bewacht wurde.
»Kein besonderer Alarm heute Morgen?«
»Wir sollen die Umgebung des Präsidentenpalastes meiden, heißt es; angeblich will sich ein Typ dort in die Luft sprengen.«
An einer zweiten Sicherheitskontrolle der ANA wurden sie durchgewinkt. Joseph würdigte diese Afghanen keines Blickes. Für hundert Dollar im Monat verrichteten sie hier mehr schlecht als recht ihren Dienst, während das Land ringsum im Chaos versank.
Dann endlich ließen sie den überwachten Bereich hinter sich und fädelten sich in den Verkehrsfluss ein. Es war Josephs erster Besuch in Kabul, die unglaubliche Energie, die überall trotz der Armut herrschte, verblüffte ihn. Überall wurde gebaut, die Passanten drängten sich in einem unbeschreiblichen Durcheinander aneinander vorbei. Die Präsenz der UNO-Truppenwar weniger spürbar, als er gedacht hatte, wenngleich die gepanzerten Fahrzeuge nicht zu übersehen waren.
»Beherrschst du ihre Sprache ein wenig?«, fragte er den Fahrer.
»Keinen Deut, Chef. Ich komm nämlich ursprünglich aus der Kabylei, und da sprechen sie Persisch.«
»Zumindest bist du Moslem, so wie sie …«
»Scheißreligion! Ich glaub an gar nichts. Ich hab im Landesinneren zu viel Schreckliches gesehen, als dass ich noch an Gott glauben könnte. Wenn es ihn gibt, dann ist er ein dummer alter Sack, der sich da oben ins Fäustchen lacht, während er zusieht, wie wir uns hier gegenseitig abmurksen.«
»Ich teile deine Meinung ganz und gar nicht«, erwiderte Joseph eisig.
Niemand wusste, dass er strenggläubig war und jede Woche in der Kirche beichten ging. An einer Ampel blieben sie hinter einer Kolonne türkischer Panzer stehen; finster ließen die Soldaten vom Dach aus den Blick über die Gegend schweifen. Dann fuhren sie weiter und kamen an einem seitlich umgestürzten Lastwagen vorbei. Er war in ein tiefes Loch im Straßenbelag geraten, seine Vorderachse ragte schräg empor. Rauch drang aus dem Kühler, der auf den Asphalt geprallt war.
»Schon ein seltsames Land, was?«, sagte Amin. Aus den Augenwinkeln betrachtete er einen Bärtigen, der mit seinen zwei Frauen in Burka auf einem Mofa fuhr. »Sie haben die Russen ganz schön angeschmiert, diese Dreckskerle. Ich hoffe, sie machen jetzt nicht dasselbe mit uns!«
Joseph nickte. Ein schöner Schlamassel. Wie sollte er in einem derartigen Gewimmel nur je die verlorengegangene CD finden?
Osama hatte schlecht geschlafen, die vielen Fragen, die sein Fall aufwarf, hatten ihn bis tief in die Nacht gequält. Wie sollte er die Fingerabdrücke überprüfen, ohne dass sein Vorgesetzter etwasdavon mitbekam?
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