Das Phantom im Netz
hatte, und ich bin sicher, er hatte auch berichtet, dass ich mir Zugang zum SAS verschafft und auf diese Weise wahrscheinlich Fangschaltungen gelegt hatte. PacBell Security hatte herausgefunden, dass ich die Mailbox von mindestens einem ihrer Mitarbeiter abhörte. Daraus konnte man eine neue Anklage gegen mich stricken. Außerdem hatte Lewis gegenüber Eric mit den Hacking-Aktionen geprahlt, die wir gemeinsam durchgezogen hatten.
Gram fuhr die fünf Stunden nach Las Vegas. Ich hatte nicht hinterm Steuer gesessen, seit ich von dem Haftbefehl wusste. Es war nicht gerade eine fröhliche Reise. Wie hätte sie das auch sein können?
Als wir nach Einbruch der Dunkelheit die Stadt erreichten, setzte sie mich an den Budget Harbor Suites ab, wo ein Bekannter von uns freundlicherweise unter seinem Namen ein Zimmer gebucht hatte.
Jetzt musste ich mir eine neue Identität zulegen und verschwinden – obwohl das bedeutete, Freunde, Familie und mein bisheriges, doch recht glückliches Leben hinter mir zu lassen. Ich hatte vor, die Vergangenheit zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen.
Und woher wusste ich, wie man sich eine neue Identität schafft? Erinnern Sie sich noch an meine Lieblingsbücher aus dem Survival Bookstore, in dem ich als Jugendlicher so viel Zeit verbrachte? Dann wissen Sie auch die Antwort. In dem Buch The Paper Trip , das ich Jahre zuvor verschlungen hatte, ist Schritt für Schritt beschrieben, wie man sich eine neue Identität zulegt. Ich befolgte dieselben Prinzipien, näherte mich dem Ziel aber auf anderen Wegen: Ich benötigte schnellstens eine funktionierende, vorübergehende neue Identität. Sobald ich einen neuen Wohnsitz gefunden hätte, könnte ich mir die Zeit nehmen, mir eine zweite, permanente Identität aufzubauen, unter der ich dann den Rest meines Lebens verbringen würde.
Ich rief bei der KFZ-Zulassungsstelle von Oregon an, gab vor, für den Postal Inspection Service zu ermitteln, und bat den Angestellten, mir sämtliche Eric Weiss herauszusuchen, die zwischen 1958 bis 1969 (eine Spanne von zehn Jahren um mein Geburtsjahr 1963) geboren waren. Ich suchte nach einer Person in meinem Alter – aber je jünger, desto besser. Ich würde nämlich noch einen neuen Führerschein und einen neuen Sozialversicherungsausweis beantragen müssen, und je älter ich laut Geburtsurkunde war, desto mehr Stirnrunzeln würde mein Antrag hervorrufen. Schließlich müsste eine Person Mitte 30 schon einmal eine Sozialversicherungsnummer benötigt haben.
Die Dame vom DMV fand ein paar Treffer, aber nur einer erfüllte meine Kriterien. Der von mir gewählte Eric Weiss war 1968 geboren und damit etwa fünf Jahre jünger als ich.
Warum »Eric Weiss«? Weil es der bürgerliche Name (obwohl manche ihn auch »Erich Weiss« oder »Erik Weisz« schreiben) des Mannes ist, den die Welt als Harry Houdini kennt. Bei der Auswahl des Namens war also Heldenverehrung im Spiel, eine Reminiszenz an meine frühe Faszination für Magie. Wenn ich schon meinen Namen ändern musste, warum sollte ich dann nicht meinem Kindheitsidol Ehre erweisen?
Ich rief bei der Auskunft an und erfuhr, dass »mein« Eric Weiss im Telefonbuch verzeichnet war. Ich rief an, er nahm ab, und ich fragte: »Sind Sie der Eric Weiss, der an der Pennsylvania State University studiert hat?«
Er antwortete: »Nein, ich habe meinen Abschluss in Ellensburg gemacht.«
Der Eric Weiss, dessen Identität ich benutzen würde, hatte Betriebswirtschaft an der Central Washington University in Ellensburg studiert. Genau das würde ich also in meinen Lebenslauf schreiben.
Mein Brief an das Standesamt von Oregon war dann nur noch Routine. Er stammte angeblich vom echten Eric Weiss, gab Geburtsdatum, Namen des Vaters und Mädchennamen der Mutter an (wie immer freundlicherweise bereitgestellt von Ann von der Sozialversicherungsbehörde) und bat um »eine Kopie der Geburtsurkunde«. Ich leistete eine Zuzahlung, um sie mir per Eilsendung schicken zu lassen. Als Adresse gab ich eine Postfachvermietung an.
Um einen Führerschein beantragen zu können, brauchte ich ebenfalls ein persönliches Dokument. Ich plante daher, eine Lohnsteuerbescheinigung zu fälschen. Dazu benötigte ich die Identifikationsnummer des Arbeitgebers, die Employer Identification Number oder EIN. Sie lässt sich ohne Schwierigkeiten für jedes beliebige Unternehmen herausfinden. Ich rief in der Debitorenbuchhaltung von Microsoft an und bat um die EIN, um eine fällige Zahlung leisten zu können.
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