Das Phantom im Netz
DMV-Ermittler, wie üblich in Zivil, waren schon ziemlich ungeduldig geworden. Inzwischen warteten sie seit mehr als zwei Stunden. Der FBI-Beamte, der sich ihnen anschließen wollte, war zwar aufgetaucht, aber nach einiger Zeit wieder verschwunden.
Ich dirigierte meine Großmutter zu dem Kinko‘s-Copyshop in einer Ladenzeile am Lauren Canyon und Ventura Boulevard, in Studio City (so benannt wegen der nahe gelegenen Studios von Disney, Warner und Universal). Ich zeigte ihr, wo sie parken sollte: auf einem Behindertenparkplatz vor einem Supermarkt, etwa hundert Meter von dem Copyshop entfernt. Sie hing eben die Behinderten-Plakette an den Rückspiegel, als ich aus dem Auto stieg.
Man würde meinen, an Heiligabend wäre in einem Kopierladen nicht mehr viel los. Stattdessen war dieser aber so voll wie an jedem normalen Wochentag. Ich stand etwa zwanzig Minuten in der Schlange für Faxe und wurde immer ungeduldiger. Meine arme Großmutter wartete im Auto auf mich, und ich wollte nichts mehr, als mir die Soundexes greifen und aus der Stadt verschwinden.
Irgendwann trat ich einfach selbst hinter den Schalter, sah die eingegangenen Faxe durch und zog den Umschlag heraus, auf dem »Larry Curry (das DMV hatte den Namen falsch geschrieben, eigentlich musste es » Currie « heißen), Los Angeles County Welfare Fraud« stand. Ich nahm die Seiten heraus und war erst einmal angepisst. Statt der Fotos, die ich angefragt hatte, schickten sie mir das irgendeiner Tussi. Was sollte das? Ich wusste, dass die Mitarbeiter des DMV oft faul und inkompetent waren, aber das schoss ja wohl den Vogel ab. Diese Idioten, dachte ich.
Ich wollte beim DMV anrufen und mich beschweren, aber mein Handy hatte ich im Auto gelassen. Ich schritt den Kopierladen ab und überlegte hin und her, ob es zu gefährlich wäre, einen der Angestellten zu fragen, ob ich telefonieren dürfe, oder ob ich das öffentliche Telefon draußen benutzen sollte.
Erst später erfuhr ich, wie seltsam diese Szene ausgesehen haben musste: Ich trottete hin und her, starrte unschlüssig auf das Fax, während die DMV-Ermittler mir dicht auf den Fersen blieben. Jedes Mal, wenn ich kehrtmachte, brachten sie sich wieder hinter mir in Position, als wären wir eine Clown-Nummer im Zirkus.
Schließlich ging ich durch den Hintereingang raus, zu dem öffentlichen Telefon. Ich nahm den Hörer ab, wählte – und sah vier Anzugtypen auf mich zukommen.
Huh , dachte ich. Ich hatte das Fax noch nicht bezahlt, und jetzt gab es Ärger wegen der paar Kröten. Alle vier sahen mich eindringlich an.
Ich fragte: »Was wollen Sie?«, und musterte die Frau. Sie stand mir am nächsten.
»Wir sind Ermittler des DMV und möchten mit Ihnen reden!«
Ich ließ den Hörer fallen und rief: »Ach ja? Ich möchte aber nicht mit Ihnen reden!« Ich warf das Fax in die Luft, weil ich damit rechnete, dass sie es sich holen würden.
Schon rannte ich über den Parkplatz. Mein Herz raste, das Adrenalin schoss mir in die Adern. Ich konzentrierte mich nur darauf, meinen Verfolgern zu entkommen.
Die vielen Stunden, die ich Tag für Tag und Monat für Monat im Fitnessstudio verbracht hatte, zahlten sich aus. Ich hatte immerhin 45 Kilo abgenommen, das machte sich bemerkbar. Ich rannte über den Parkplatz Richtung Norden, flitzte über eine schmale Holzbrücke, die in eine mit Palmen bepflanzte Wohngegend führte, und hetzte einfach weiter, ohne mich auch nur ein Mal umzuschauen. Ich rechnete jeden Augenblick damit, einen Hubschrauber zu hören. Ich musste unbedingt mein Erscheinungsbild ändern, und zwar schnell. Dann könnte ich, wenn eine Lufteinheit nach mir suchen würde, das Tempo verlangsamen und mich in den normalen Straßenverkehr mischen.
Als ich außer Sichtweite meiner Verfolger war, begann ich, Klamotten abzuwerfen, ohne das Tempo zu verlangsamen. Als echte Fitnessratte trug ich unter meinen Straßensachen Shorts und Sporthemd. Ich zog also mein Oberhemd aus und warf es im Rennen über eine Hecke. Ich duckte mich in einen Seitenweg, zog meine Hose aus und stopfte sie in die Büsche in einem Vorgarten. Dann rannte ich weiter.
Ich hielt das Tempo eine Dreiviertelstunde lang, bis ich sicher war, dass die Ermittler aufgegeben hatten. Mir war furchtbar übel, und ich dachte, ich müsste mich vor Überanstrengung übergeben, als ich in einer Bar in der Nähe abtauchte, um zu verschnaufen.
Ich war glücklich, dass ich so knapp entkommen war, aber zugleich auch in Sorge. Hinten in der Bar entdeckte ich
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