Das Phantom im Netz
Die Dame am anderen Ende gab sie mir, ohne überhaupt zu fragen, im Auftrag welcher Firma ich anrief.
In jedem Schreibwarenladen gibt es Steuerformulare. Ich musste also nur eine gefälschte Lohnsteuerbescheinigung zusammenbasteln, und fertig.
Mein vorrangiges Ziel war es, an den alles entscheidenden Führerschein zu kommen, aber ich kam nicht weiter, solange nicht »meine« neue Geburtsurkunde da wäre. Bis dahin war es eine extrem angespannte Zeit: Ohne Führerschein oder Personalausweis konnte es schon desaströse Folgen haben, wenn man mich beim Überqueren einer roten Ampel erwischte.
Es gab da noch eine Schwierigkeit: In den USA muss man zur Fahrprüfung sein eigenes Auto mitbringen. Ich konnte mir aber kaum eines von meiner Mutter oder Großmutter leihen. Wer sich eine neue Identität aufbaut, will ganz sicher keine Spuren hinterlassen, die es neugierigen Bullen oder FBI-Schnüfflern zu einfach machen. Sollte ich einen Freund oder jemanden aus der Familie bitten, ein Auto zu mieten, das ich dann auch für die Prüfung benutzen könnte? Auf keinen Fall. Ein Ermittler würde ganz schnell herausfinden, mit welchem Auto man die Prüfung abgelegt hätte. Und dann gäbe es ein paar unangenehme Fragen an die Person, die einem diesen Gefallen getan hätte.
Ich hatte mir etwas anderes überlegt: Erst geht man zum DMV und beantragt eine Fahrerlaubnis für Fahrschüler. Die braucht man zwar nicht unbedingt, aber aus irgendeinem Grund finden es die Leute vom DMV weniger suspekt, wenn ein Erwachsener erst eine solche Erlaubnis beantragt, bevor er seinen echten Führerschein bekommt. Ich habe bis jetzt keine Ahnung, warum das so ist. Für mich war es jedenfalls nützlich: Die meisten Menschen, die sich eine falsche Identität zulegen, bitten nicht erst um eine Fahrschülererlaubnis, also wirkte ich in diesem Fall wirklich weniger verdächtig.
Anschließend ruft man in einer Fahrschule an und tut so, als sei man eben aus Australien, Südafrika oder Großbritannien zurückgekehrt. Man habe mal einen amerikanischen Führerschein gemacht, erklärt man, sei aber nun so lange auf der anderen Straßenseite gefahren, dass man sich erst wieder an die rechte Seite gewöhnen wolle, bevor man die Fahrprüfung mache. Nach ein paar Fahrstunden sagt einem der Lehrer dann, dass man so weit ist, und die Fahrschule leiht einem ein Auto, mit dem man die Prüfung ablegen kann.
So jedenfalls habe ich es mehr als einmal gemacht, und es hat immer geklappt. Mit dem neuen Führerschein in der Hand ging ich dann zur Sozialversicherungsbehörde von Las Vegas, um mir einen »Ersatz« für meinen Sozialversicherungsausweis geben zu lassen – wobei ich mich mit Eric Weiss‘ Geburtsurkunde und Führerschein auswies. Die Aktion war doch recht beängstigend. Auf den Fluren hingen Warnhinweise, dass es ein Verbrechen wäre, unter falscher Identität einen Sozialversicherungsausweis zu beantragen. Auf einem Poster war gar ein Mann in Handschellen abgebildet. Na prima.
Ich legte meine IDs und ein ausgefülltes Antragsformular vor. Es würde etwa drei Wochen dauern, bis der Ausweis da sei, sagte man mir – das war länger, als ich ruhigen Gefühls in Vegas bleiben konnte, aber ich wusste, dass ich ohne den Ausweis keinen Job bekommen würde.
In der Zwischenzeit trottete ich zur nächsten Bibliothekszweigstelle, in der mir eine Angestellte freudig meinen neuen Leseausweis überreichte, nachdem sie die Angaben von meinem Antragsformular abgetippt hatte.
Obwohl mein Hauptanliegen war, meine neue Identität zu festigen und mir darüber klar zu werden, wo ich leben und arbeiten wollte, nahm ich immer noch kleinere Aufträge von Danny Yelin, einem ehemaligen Teltec-Mitarbeiter, an. Einer dieser Jobs bestand darin, eine Zwangsvorladung an einen Typen zuzustellen, der in Vegas wohnte, sich aber versteckte. Dan gab mir seine letzte bekannte Telefonnummer.
Ich rief an, und eine ältere Dame meldete sich. Ich fragte, ob der Mann zu sprechen sei. Sie verneinte.
Ich erzählte ihr: »Ich schulde ihm Geld. Ich kann die eine Hälfte jetzt und die andere nächste Woche bezahlen. Aber ich verlasse die Stadt, also wäre es gut, wenn Sie ihn anrufen und ihn fragen, wo ich ihn treffen kann, um die erste Rate zu bezahlen.« Ich sagte, ich würde in einer halben Stunde zurückrufen.
Nach etwa zehn Minuten rief ich in der Vermittlungszentrale der örtlichen Telefongesellschaft Centel an. Ich gab mich als interner Mitarbeiter aus und ließ einen DMS-100-Techniker eine
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