Das Schwert des Normannen: Roman (Knaur TB) (German Edition)
Nordmänner sind immer auf große Fahrt gegangen, haben gekämpft, geplündert, Frauen geraubt. Und wer tapfer war und im Kampf gefallen ist, kam zu den anderen Helden nach Walhall. Ich meine, was für unsere Großväter und Väter gut war, soll jetzt schlecht sein? Nur weil sie einen ans Kreuz genagelt haben, der nicht kämpfen wollte wie ein richtiger Mann?«
»Die Zeiten ändern sich, Reynard«, widersprach Fulko. »Es herrscht eine andere Ordnung in der Welt. Wir sind keine wilden Seeräuber mehr.«
Wir starrten ihn an und fragten uns, ob er dummes Zeug redete oder vielleicht doch recht hatte. Es gab nicht mehr viele, die an dem alten Glauben festhielten. Besonders nicht in Italia.
»Ich weiß nicht«, meinte Thore. »Mit diesem Statthalter von Bisignano ist es doch auch gutgegangen. Kein Christengott hat uns dafür bestraft.«
Fulko sagte nichts, sondern lächelte nur milde, als wüsste er es besser.
Eines Nachmittags, wir waren nicht mehr als zwei Tagesreisen von Melfi entfernt, hätte uns beinahe eine berittene byzantinische Patrouille überrascht. Es waren mindestens fünfzig Mann, Kundschafter vermutlich. Was zum Teufel hatten sie hier zu suchen? Wir machten gerade noch rechtzeitig kehrt und gaben unseren Gäulen die Sporen. Die Byzantiner verfolgten uns eine ganze Weile. Vermutlich hätten sie uns gerne unter Folter befragt, aber wir taten ihnen nicht den Gefallen, uns fangen zu lassen. In einem Waldstück saßen wir ab und führten die Pferde durch einen Bergbach hangaufwärts, um keine Spuren zu hinterlassen. Tief im dichten Wald verborgen, hielten wir uns still und verharrten noch lange, nachdem sie unten auf der Straße schon längst vorbeigaloppiert waren.
»Byzantiner hier, so weit auf Guaimars Gebiet?«, fragte sich Fulko. »Was hat das zu bedeuten?«
»Vielleicht bereiten die sich auf einen Kriegszug vor«, entgegnete Reynard. »Gegen Guaimar oder gegen uns. Würde mich nicht überraschen. Es war zu lange ruhig. Oder sie haben einen neuen Katepan geschickt, der sich einen Namen machen will.« Katepane waren die von Konstantinopel ernannten obersten Regenten der byzantinischen Besitzungen in Italia, so erklärte er uns. »Ein Neuer muss erst mal zeigen, dass er etwas gegen die Normannenplage unternimmt.« Er lachte. »Bis er sich eine blutige Nase geholt hat. Dann wird es wieder friedlich.«
Vorsichtig setzten wir unsere Reise fort und erreichten endlich Melfi ohne weitere Unterbrechungen.
Es war schon später Nachmittag, als wir in die Stadt ritten. Der Himmel war trübe und verhangen, ein kalter Wind pfiff durch die stillen Gassen. Vielleicht saßen die Melfitanos alle daheim am warmen Feuer, denn es war kaum jemand zu sehen. Fast unheimlich hallten die Hufschläge unserer Pferde von den Häuserwänden wider, als wir zu Girards Anwesen ritten. Auch dort schien niemand zu sein, denn das Haus lag im Dunkeln.
Auf unser langes Hämmern an der Pforte, tauchte endlich Girards Verwalter mit zwei Wachen auf.
»Ist niemand hier«, sagte er mürrisch und wollte die Pforte wieder schließen. Ich aber stellte meinen Fuß in die Spalte und gab mich zu erkennen.
»Wir kommen von Robert Guiscard und suchen die Baronessa.«
»Mein Herr ist fort und hat eine Menge Krieger mitgenommen.«
»Und Alberada, Gerlaine?«
»Sie haben ihn begleitet.«
»Nun rede endlich, Mann. Wo sind sie hin?«
»Bin verflucht, wenn sie’s mir gesagt hätten.«
*
Der Verwalter ließ sich überreden, uns selbst und unsere Pferde auf dem Anwesen unterzubringen. Ansonsten war er wenig zugänglich. Entweder wusste er wirklich nichts, oder man hatte ihm verboten, das Maul aufzumachen.
Alle vier waren wir tief enttäuscht. Aber am meisten ich selbst, hatte ich doch gehofft, endlich mein Mädchen in die Arme zu schließen. Waren wir den langen Weg denn ganz umsonst gekommen? Wo bei Odins weisen Raben mochten sie stecken? Vielleicht war Girard auf Kriegszug in Buonalbergo, dem Gebiet, das ihm der Bund der Normannen für Eroberungen zugestanden hatte. Das war gewiss das Naheliegendste. Aber hätte er dann die Frauen mitgenommen? Und warum die Heimlichtuerei?
Fulko meinte, wir sollten uns erst einmal in der Burg umtun. Aber bevor wir losgingen, verabschiedete sich Thore für den Abend, um seine beiden Hübschen zu besuchen. Natürlich waren wir anderen mehr als neidisch. Er musste versprechen, sich am Morgen wieder einzufinden. Dann wollten wir gemeinsam entscheiden, was zu tun wäre und ob wir Girard nachreiten sollten,
Weitere Kostenlose Bücher